Ich werde den Landeanflug auf Bangalore nicht mehr vergessen. Es ist Monsunzeit. Über uns der königsblaue Himmel, unter uns ein bauschiges Wolkenmeer. Ab und zu kann man den Boden sehen, wo ein paar Palmen und Bäume am Rande eines Flussbetts stehen , umsäumt von Gras und der rötlichen Erde. Während das Flugzeug immer lauter wird, rauschen die ersten Wolken über die Flügel des Flugzeugs. Man kann schon an den Fenstern des Flugzeugs sehen, dass es draußen sehr feucht ist. Bald sind wir ganz in den Wolken verschwunden und die Maschine fängt an zu zittern. Die Wolken hängen tief über Bangalore, lange graublaue Fäden.
Seitdem ich in Frankfurt in das Flugzeug nach Oman gestiegen bin, habe ich nicht mehr geschlafen. Die Maschine die mich in den Oman brachte war sehr modern und es war ein sehr angenehmer sechsstündiger Flug. Beim Ausstieg aus dem Flugzeug schlug mir, trotz späten Abends, heiße und feuchte Luft entgegen und ich war froh endlich in das Flughafen-Gebäude zu kommen, wo es angenehm kühl war. Nach zweistündigem Aufenthalt, ging es ab in die Maschine nach Bangalore. Planmäßig sollte der Flug um 01:35 aus Muscat starten, jedoch wegen eines defekten Lichtes verzögerte sich der Abflug um 11/2 Stunden. Die gesamten Reise war für mich sehr aufregend, da ich seit ca. 11 Jahren nicht mehr mit einem Flugzeug geflogen war. Das tollste auf der Reise war der Sonnenuntergang und der Sonnenaufgang in 10 000 Meter Höhe. Es ist einfach der Wahnsinn!
Das Flugzeug setzt hart auf der Landebahn auf und muss stark abbremsen, da die Landebahn recht kurz ist. Das Flugpersonal wünscht uns einen angenehmen Aufenthalt in Indien….na hoffentlich! Am Flughafen tausche ich erstmal ein wenig Geld um. 20€ sind ca. 1100 Rupien. Um sich eine Vorstellung davon zu machen: Für 60 Rupien (1€) kann ich fünf Stunden mit dem Zug fahren oder zwanzig Tassen Tee trinken. Am Flughafen werden wir vom ICDE empfangen und zum Arrival Camp gebracht. Die Fahrt mit den heruntergekommenen Bussen dauert ungefähr zwei Stunden, bei einem Verkehr den man sich nicht vorstellen kann! Jeder überholt wie er es möchte. Zur Not weicht man auch gerne mal in den Gegenverkehr aus. In Indien herrschen keine Verkehrsregeln. Das bestätigte ein Inder mit dem ich mich gestern lange unterhalten habe. Bei meiner Fassungslosigkeit über dieses Thema musste er lachen und meinte, dass es auch nie welche geben werde. Was mir bei der Fahrt ebenso sehr auffiel war der viele Müll. In Bangalore leben über fünf Millionen registrierte Einwohner, dabei sind die Menschen in den Slums nicht mitgezählt. Aufgrund der schlechten Infrastruktur haben die meisten Menschen gar keine andere Möglichkeit den Müll anders zu entsorgen.
Im Arrival Camp angekommen, werden erstmal die Zimmer bezogen. Da wir Freiwilligen für indische Verhältnisse reich sind und wir an die Kultur und die Temperaturen akklimatisiert werden müssen, gehört das Hotel zu der oberen Klasse. Die Zimmer sind sauber und der Schärfegrad des indischen Essens ist an den europäischen Magen angepasst. Den Rest des Tages haben wir frei und verbringen diesen im Pool oder am Esstisch.
In den darauf folgenden Tagen findet das Vorbereitungsseminar statt. Wir erfahren viele wichtige Dinge über die indische Kultur und lernen in einem Sprachkurs die grundlegenden Dinge der Sprache Kannada, die hier im Bundesstaat Karnataka überwiegend gesprochen wird. Neben dem Alltag des Seminars werden zusätzlich ein Yogakurs und ein Tanzkurs angeboten. Ich hatte mich für Letzteren entschieden. Der klassische indische Tanz macht sehr viel Spaß und ist verdammt anstrengend. Da es hier sehr warm ist kann man Nachts problemlos nach einem harten Tanzabend in den recht große Pool springen. Göttlich! Neben dem Seminar brauchten wir alle noch das „Resident Permit“, welches uns erlaubt uns frei in Indien aufzuhalten. Der gestrige Plan sah vor, dass wir es innerhalb von zwei Stunden in der Polizeistelle in Bangalore bekommen würden. Danach sollte uns noch etwas Zeit für eine Shoppingtour in Bangalore bleiben, bevor wir abends zu einem Empfang der Gastfamilien in einem Nobelhotel fahren sollten. Da sich die indischen Behörden jedoch unvorhergesehen quer stellten, dauerte das Beantragen des „Resident Permit“ siebeneinhalb Stunden. Sodass wir danach schnellstens zum Hotel fahren mussten, wo uns zu Ehren ein indischer Tanz aufgeführt wurde und köstliches Essen serviert wurde. Die Shoppingtour viel leider für mich aus, da ich die Anderen während ich mir die Hände wusch verpasste. Ein Versuch sie im abendlichen Bangalore zu finden scheiterte, wobei ich dabei alleine durch die dunklen Straßen lief. Die Leiter Pauls (mein Projektkollege) und meines Projektes waren bei dem Empfang allerdings nicht anwesend, da die Strecke nach Bangalore viel zu lang ist (über 400km). Heute war für alle außer Paul und mir der Tag der Abreise. Da Pauls Rucksack im Oman liegen geblieben ist und er ihn erst drei Tage später bekommen hat, fahren wir beide morgen früh noch mal zum Bangalore Airport um dort die ihm zustehende Entschädigung abzuholen. Abends geht es dann über Nacht in einer ca. zehnstündigen Busfahrt nach Dharwad, wo wir dann von dort aus weiter in das Dorf Kalkeri fahren werden, in dessen Nähe sich unser Projekt (die Musikschule) befindet. Das Alles ist mit ICDE abgesprochen.
Nun sitze ich gerade mit Paul alleine im Büro des Hotels, der den einzigen Ort darstellt, wo man ins Internet kommen kann. In Dharwad werden wir uns eine Handykarte zulegen, ebenso wie einen Internetstick. Man muss wirklich sagen, dass uns in all den Tagen hier viel Herzlichkeit entgegengebracht wurde. Wir haben hier im puren Luxus gelebt. Letzteres wird sich nun bald ändern. In meinem Projekt herrschen noch die alten Lebensumstände. Auch ist das Gebiet um und einschließlich Dharwad nur sehr selten von Touristen besucht. Als Europäer soll man dort, aufgrund der Hautfarbe, sehr auffallen. Bisher habe ich die Zeit hier in Indien sehr genossen und hoffe, dass dies auch weiterhin der Fall sein wird. Nur nun freue ich mich auf die Zeit im Projekt und hoffe dass die Zeit auch weiterhin so schön bleibt. Die Sorgen, dass meine Englischkenntnisse für den Englischunterricht den ich erteilen soll nicht ausreichen werden oder mir die einheimische Sprache bei Unterhaltungen zu viele Probleme bereiten wird, haben mir die Inder aufmunternd ausgeredet. Und nun freue ich mich umso mehr auf das Projekt.
Naja …. Jetzt werde ich erstmal zu Abend essen. Hoffe, dass ich bald mal per Skype online kommen kann um ein paar vertraute Gesichter zu sehen, die ich hier sehr vermisse!
Viele liebe Grüße aus Indien!
Julius
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