Montag, 26. März 2012

Die drei Seiten


Kinder aus Kalkeri
Vom „Busstand“ aus, sind es nur wenige Meter bis zu den „westlichen“ Shops, wo man Nutella, guten Honig und Hygienezeug von Marken, die man auch im Westen kennt, einkaufen kann. In diesen Laeden trifft man vor Allem wohlhabende Inder an, die sich, die fuer die normale Bevoelkerung, viel zu ueberteuerten Artikel leisten koennen. Der Weg dort hin ist eng und voller Menschen. Es ist heiss und wenn man auch noch einen Rucksack traegt, dann spuert man, wie die Schweissperlen einem den Ruecken hinunter laufen. Besonders die Gerueche entwickeln bei den warmen Temperaturen nochmal eine ganz eigene Intensitaet. Der Urin-, Muell und Essensgeruch haengen einem die meiste Zeit in der Nase. Um die Temperarturen, die vielen Menschen und die anderen Eindruecke aufzunehmen und ertragen zu koennen, muss man mit einer gewissen inneren Ruhe in die Betriebsamkeit, der Stadt Dharwad, eindringen.
In der Naehe der westlichen Laeden, zwischen einem Schnellimbiss und dem kleinen Park, trifft man meist auf einen Mann, dem das Schicksal schwer mitgespielt hat und dem, durch die soziale Strucktur Indiens, sein Lebensweg gnadenlos und unveraenderbar gewiesen wird. Er liegt meist, zusammen gekruemmt, in einer sehr verdreckten Ecke. Eines seiner Beine ist unterhalb des Kniegelenks abgetrennt und den Stumpf breitet er meist vor sich aus, da er bei einer anderen Position Schmerzen zu erleiden scheint. Sein zottelieges, fettiges, zerfranztes Haar streift stets beim betteln ueber den dreckigen Boden. Das einzige, was er besitzt ist eine loechrige Muetze, die er manchmal vor sich ausbreitet, um ein paar Rupien zu erbetteln.
Grundsatz einer "Government School"
Als ich diesen armen Mann passieren will, tritt mir ein Geschaeftsmann in den Weg und laechelt mich freundlich an. „Nicht jetzt!“ denke ich und versuche einen Blickkontakt zu vermeiden. Doch: Zu spaet! Der uebliche Smalltalk beginnt mit: „Hey my friend! Where are you from? “ Ich versuche mich kurz zu fassen und antworte in knappen Saetzen. Waehrend mich der Geschaeftsmann so ausfragt, hoere ich neben mir ein Kraechzen: „Bayar!“ Natuerlich ist dieser Bettler auf mich aufmerksam geworden. Ich werfe ihm einen fluechtigen Blick zu, reagiere aber nicht. Ein wenig spaeter wieder: „Bayar!“ Mittlerweile beginnt der  are Mann auf mich zu zukriechen und kraechzt dabei immer weiter „Bayar! Bayar!“ Dieser Anblick des verkrueppelten Menschen, der auf mich zu kriecht, waehrend ein freundlicher Geschaeftsmann mich ueber mein Zuhause und meine Arbeit ausfragt, ist nur schwer ertragbar. Der Bettler hat mich fast erreicht, als ich es endlich schaffe, den Geschaeftsmann schnell abzuwicklen und meinen Weg fortsetze.
Im Viertel der Musiker
Es ist nicht so, dass ich diesen Menschen keine Alomsen geben will. Es ist in meiner Rolle nicht moeglich irgendjemanden Almosen zu geben, selbst den kleinen Kindern nicht. Solche Situationen sind natuerlich sehr schwer, allerdings kann ich den ganzen Bettlern in Dharwad kein Geld geben. Wir Freiwilligen sind die einzigen „hellhaeutigen“ Menschen in der Umgebung. Wenn wir Almosen geben, wird sich sowas schnell herum sprechen und kann letztendlich sogar nicht ganz ungefaehrlich werden.
Diese Kontraste, die anfangs interessant und klischeehaft wirkten und worueber man sich natuerlich viele Gedanken gemacht hat, zermuerben nun. Es ist gut, taeglich damit konfrontiert zu werden, und sich zu fragen, wie so etwas in der Welt moeglich ist. Die einen profitieren, waehrend die anderen alles verlieren. Davon lebt das System dieser Welt heute. Ich will damit keineswegs aussagen, dass ich den Sozialismus gutsage, allerdings ist der Kapitalismus auch scheisse. Wieso wird ein Mann aus einer Kantine geworfen, nur weil er sich keine bessere Kleidung leisten kann und wie das letzte Stueck Dreck behandelt wird, obwohl doch eigentlich alle Menschen auf der selben Stufe stehen? Menschen werden immer noch in Klassen eingeteilt und dem entsprechend ruecksichtslos behandelt. Diejenigen, denen es gut geht, scheren sich nicht um diejenigen, um die man sich eigentlich scheren sollte. Jeder denkt nur an sich selbst. Sowas kennt man sonst nur aus den Medien. In Deutschland lebt man eher selten in dieser Welt. So etwas „live“ zu sehen, ist etwas anderes und veraendert etwas in dir. Frustrierend ist auch, dass man die Welt nicht aendern kann. Man driftet tatenlos durch die Zeit und sieht zu was passiert. Ab und zu bekriegt man sich und ueberlaesst spaeter das Land sich selbst. Das selbe gilt fuer Naturkatastrophen. Die Oeffentlichkeit wird dabei natuerlich nicht in Kenntniss gesetzt, um sich selbst nicht zu schaden. Gewisse Menschen duerfen nicht zu Wort kommen, ansonsten koennte vielleicht doch etwas passieren. Da geht man lieber das Leiden anderer ein, da es ja einen selbst nicht betrifft.
Bunt!
Welche Rolle haben wir Freiwilligen eigentlich? Wir werden in ein fremdes Land geschickt, um uns weiter zu bilden. Dem Land selbst helfen wir nicht. Wir sind keine Entwicklungshelfer. Der Staat schickt uns allein aus eigenem Nutzen. Das einzige was wir geben koennen ist: Uns. Wir geben den Kindern, durch unsere Erscheinung und unser Verhalten, einen Einblick in eine andere Welt. Ob diese erstrebenswert ist oder richtig ist, bleibt definitiv in Frage gestellt. Ich bin nicht der erste der versucht, sowas in dieser Richtung zu schreiben. Auf jeden Fall ist es gut sich sowas von der Seele zu schreiben. Es ist einfach auf alles herum zu trampeln, aber was wirklich unternehmen tue ich schliesslich auch nicht. Zumindest noch in keiner Weise, die mich zufrieden stellt. Was meine ich ueberhaupt mit „unternehmen“? Ich weiss es auch nicht wirklich.
Holi mit Praveen

Da gehe ich doch vorerst lieber zu meinem kleinen Auslandsjahr zurueck und berichte euch gerne von meinen Urlaubsplanungen. In ein paar Tagen kommen meine Eltern und mein Bruder mich besuchen. Nach fast acht Monaten ... interessant! Die Planung sagt: Dharwad, Gokarna, Hampi und wieder Dharwad. Meine Eltern bringen mir auch Sachen fuer meine viel groessere Reise mit und nehmen unter anderem vieles von mir nach Deutschland zurueck. Zwei Wochen nachdem meine Eltern wieder zurueckgeflogen sind, werde ich nach Nepal fliegen. Fuer fuenf Wochen. Dort werde ich mir die hoechsten Berge der Erde anschauen. Ewas sehr besonderes fuer mich! Ich werde einen Trek machen, der den Everest und die tibetische Grenze streift. Dabei habe ich eine Route gewaehlt, die abgesehen von dem Everest Base Camp, so wenig Touristen wie moeglich waehlen. Vielleicht habe ich nach dem Trek noch ein wenig Zeit, um mich in einen anderen Teil Nepals aufmachen zu koennen. Wir werden sehen...
In diedem kleinen Bericht werdet ihr auch ein paar Fotos von dem Farbenfest „Holi“ sehen, mit dem der „Fruehling“ und alles neue Leben gefeiert wird. Das Fest war zwar eher eine Farbschlacht als ein Fest, allerdings war das Tanzen mit den Kindern und sich gegenseitig mit Farbe zu bewerfen sehr amuesant. Schade, dass wir so etwas nicht in Deutschland haben!

Ich hoffe euch gehts gut! Namaste!

Julius

Montag, 5. März 2012

Mein Zwischenbericht

Hier mein Zwischenbericht, den ich an ICJA gesendet habe. Ich hoffe es interessiert euch! Der naechste Eintrag ist in Arbeit!


Zwischenbericht
Julius Koch
Indien, IJFD, 2011-2012
Kalkeri Sangeet Vidyalaya, Dharwad District

Der Wunsch ein Jahr im Ausland zu verbringen, war erst mitte der zwoelften Klasse aufgekommen. Nachdem zwei gute Freunde von mir ein Jahr in Neuseeland „Work&Travel“ gemacht hatten und mein Cousin ein halbes Jahr in Schottland gelebt hatte, haben vor Allem ihre Berichte und die tollen Erfahrungen mich dazu bewegt, auch ueber ein Auslandsjahr nachzudenken. Jedoch wollte ich nie in die Richtung „Work&Travel“ gehen, da mir dabei irgendetwas gefehlt hatte. Letztendlich bin ich dann auf das Freiwillige Soziale Jahr gestossen und der Gedanke als Freiwilliger in Projekten zu arbeiten, die genau auf die Arbeit von Feiwilligen angewiesen sind, gefiehl mir. Mein Auslandsaufenthalt hat dadurch fuer mich selbst an Bedeutung gewonnen.
Als es dann fest stand, dass ich fuer ein Jahr in Indien leben wuerde, hatte mich das nicht so emotional aufgewuehlt, wie ich zuvor mir vorgestellt hatte. Die Vorstellung allein war fuer mich, in dieser Situation, einfach schwer zu realisieren. Natuerlich habe ich mir viele Gedanken gemacht, darueber, dass ich fuer ein Jahr in einer ganz anderen Kultur leben werde und dass ich sicherlich auch schwere Momente haben werde. Sprache, Menschen und die Natur werden ganz anders sein. Dennoch hat der Gedanke an Indien mir keine Angst bereitet. Im Gegenteil: Die Vorstellung, dass ich viele neue Menschen kennenlernen wuerde und neue Freundschaften schliessen koennte, sowie einfach mal raus zu kommen aus dem beengenden deutschen Alltag, war einfach grandios. Fuer mich war es der erste laengere Auslandsaufenthalt und sowas wie ein Abenteuer. Besonders, dass ich eine so verschiedene Kultur kennenlernen wurde, war aufregend. Selbstverstaendlich waren mir auch meine Verpflichtungen bewusst, wie beispielweise, dass ich mit Kindern zusammen arbeiten werde und dementsprechend geduldig und als ein Vorbild auftreten muss. Auch nahm ich mir vor, mit einer gewissen Sensibilitaet gegenueber der indischen Kultur in meinem Projekt zu starten, um unangenehme Situationen moeglichst zu vermeiden. Letztendlich habe ich erst realisiert, dass ich fuer ein Jahr im Ausland leben werde, als das Flugzeug in Frankfurt abgehoben ist.
Die Vorbereitungstage des ICJA haben nicht so viel an meiner emotionalen Lage geaendert. Allerdings haben die Erfahrungen der „alten“ Freiwilligen mir geholfen, meine Ansichten ueber den Freiwilligen Dienst zu ueberdenken. Auch haben bestimmte Themen mich sensibler werden lassen und ich habe mehr ueber die Bedeutung meines Auslandsaufenthaltes erfahren. Ebenso war es eine wichtige Erfahrung, sich mit den anderen zukuenftigen Freiwilligen auszutauschen und zu erfahren, was sie erwarten und fuehlen. Ich denke der Kontakt mit den anderen Freiwilligen ist sehr wichtig, da man sich in der selben Situation befindet und sich somit eher auf der selben Ebene wieder findet.
Natuerlich ist aller Anfang schwer. Mein Projekt „Kalkeri Sangeet Vidyalaya“, eine Musikschule, die im Norden des Bundesstaates Karnataka liegt und dessen naechst groessere Stadt Dharwad ist, hat sich der Aufgabe gewidmet, sehr sozial schwache Kinder eine moeglichst breite musikalische und schulische Ausbildung zu geben. Wie der Name der Schule schon sagt, steht die musikalische Ausbildung im Vordergrund. Die Kinder lernen klassische hindustanische Musik und jeden letzten Sonntag im Monat gibt es ein sog. „Music-Programme“ , was dazu dient Spenden einzutreiben, von denen diese Schule lebt. Die Gebaeude der Schule bestehen aus Schlamm-Huetten und man fuehrt dementsprechend kein ueberschwaengliches Leben. Die Schule selbst liegt in der Naehe des Dorfes Kalkeri, mitten im Dschungel. Das ist fuer einen Naturliebhaber wie mich besonders toll, da man Tiere zu sehen bekommt, die man entweder im Zoo oder im Therarium sieht. Affen, Echsen und Schlangen gehoeren zum Alltag. Das Projekt wird von Kanadiern geleitet. Ausserdem sind wir nicht die einzigen Freiwilligen. Neben mir sind noch ungefaehr zehn andere Freiwillige da, die aus Kanada, Frankreich, England und Deutschland kommen. Wir Freiwilligen besitzen ein eigenes „Volunteers House“, wo diejenigen leben, die fuer ein Jahr bleiben. Die meisten anderen Freiwilligen bleiben bloss fuer vier Monate.
Meine Aufgabe im Projekt ist die eines Englisch Lehrers. Mein Alltag sieht so aus: Ich stehe um halb acht auf und kontrolliere morgens beim Fruehstueck die Haende und Teller der Kinder, um Krankheiten vorzubeugen und um allgemein dafuer zu sorgen, dass alles in einem moeglichst hygienischen Zustand ist. Spaeter hab ich ein bisschen Zeit mein Zimmer aufzuraeumen und um selbst zu duschen und zu fruehstuecken, da die Kinder zu dieser Zeit ihren Musikunterricht haben. Meine eigentliche Aufgabe beginnt mit der „Extraclass“, was der Nachhilfe in Deutschland fuer schwache Schueler gleicht. Die Extraclass habe ich jeden Tag ausser Sonntags und an meinem freien Tag (Montag). In jeder dieser Klassen sind mindestens zwei Schueler aus meinen Klassen und maximal fuenf, denen ich sechzig Minuten lang Nachhilfe in Englisch gebe.  Der Extraclass folgt der normale Englischunterricht. Ich unterrichte die dritte und vierte Klasse, die ich beide einmal pro Tag habe. Die Klassen umfassen jeweils fuenfzehn bis zwanzig Schueler. Es gibt keine Geschlechtertrennung, ebenso gibt es keine Schuluniformen. Die Klassenraeume sind, wie auch die Haeuser, sehr spaerlich ausgestattet. Die Tafel ist schwarz angemalt und man sitzt auf dem Boden. Meine Klassen sind zwischen 11:50 Uhr und 4:40 Uhr ueber den Nachmittag verteilt. Neben den Klassen und der Extraclass gebe ich an bestimmten Tagen weitere Englisch-Nachhilfe. Zwischen fuenf und sechs hat der Grossteil der Schueler Freizeit, manche jedoch haben „Readingclass“, in denen ich bestimmten Schuelern lesen beibringe und eine moeglichst korrekte Aussprache. Am Abend sammel ich die Hausaufgaben von den Kindern ein und sortiere sie in die Faecher der Lehrer. Einmal in der Woche gebe ich von halb neun bis zehn Uhr Computer Klassen, wo die Kinder ihre Fingerfertigkeit auf der Tastatur ueben koennen und mit „Word“ arbeiten lernen. Ich habe mich jetzt auch fuer das „Bobo-House“ gemeldet, was eine Art Krankenstation fuer die Kinder ist. Dort verarzten wir kleine Schnittwunden, allgemeine Krankheiten und Infektionen. Neben den alltaeglichen Aufgaben, veranstalten wir Freiwilligen an Sonntagen Aktivitaeten fuer die Kindern, wie beispielsweise Seifenblasen machen oder wir gehen in der Umgebung wandern. Ausserdem begleiten und betreuen wir die Schueler auf Konzerten, die ausserhalb der Schule stattfinden. Ansonsten spielen wir mit den Kindern in unserer Freizeit oder wir brauchen einfach mal eine Pause.
Anfangs war es fuer mich nicht leicht mich in den Klassen zurecht zufinden. Ich bin im August in Indien angekommen und drei Monate zuvor war ich selbst noch Schueler. Mich sofort in die Lehrerrolle hinein zu versetzen war nicht so einfach. Teilweise war mein Vorgehen im Unterricht, rueckblickend, laecherlich oder etwas uebermotiviert. Ich habe zu Beginn einfach die Schueler ueberschaetzt und bin mit zu grossen Erwartungen in den Unterricht gegangen. Allerdings ist mir der Umgang mit den Kindern leichter gefallen als erwartet. Das liegt vor Allem an den Kindern und der offenen Mentalitaet der Kinder. Ebenso die Arbeit mit den anderen Freiwilligen und mit den angestellten Lehrern und Leitern der Schule ist nicht schwierig. Vermutlich liegt dies auch daran, dass die Leitung „westlich“ ist und man sich nicht auf andere Arbeitsweisen einstellen muss. Eine deutliche Umstellung war allerdings auch das Essen! Jeden Tag Reis, Samba und Sabji. Das war manchmal nicht so einfach zu akzeptieren.
Unsere Ankunft war sehr herzlich. Eine der Leiter, die fuer die Freiwilligen zustaendig ist, hatte mir ein Taxi nach Dharwad geschickt, das mich von dem Busbahnhof abgeholt hat. Bei meiner Ankunft wurde ich direkt von den Kindern begruesst und meine Sachen wurden zu meiner Unterkunft getragen. Einen Tag spaeter hatten ich ein langes persoenliches Gespraech mit Jay, der besagten Leiterin, wo mir meine Aufgaben mitgeteilt wurden, welche Wuensche ich haette und viele Dinge mehr. Ich hatte nie das Gefuehl, dass man mir mit gewissen Vorurteilen, Vorbehalte oder was auch immer gegenueber getreten ist. Auch spaeter kam ich nie in eine Situation, die mich so etwas haette denken lassen. Ich bin sehr froh gewesen, wie leicht mir der Start gefallen ist, denn waehrend des Arrival Camps hat man sich schon, bei all den Eindruecken, seine Gedanken gemacht.
Der erste Monat war sehr aufregend fuer mich, da alles sehr neu war und nichts, auf den ersten Blick, mit Deutschland vergleichbar war. Als ich mit meiner Arbeit begann, wurde ich direkt „ins kalte Wasser geworfen“ und musste an meinem ersten Unterrichtstag mit 25 Kindern aus der dritten Klasse fertig werden. Rueckblickend war das eine gute Erfahrung, da ich so meinen eigenen Lehrstil entwickeln konnte und nicht von anderen in ihrer Lehrweise beeinflusst wurde. Die anderen Freiwilligen waren anfangs eine wichtige Stuetze fuer mich, da sie meine Fragen am besten beantworten konnten und mir in bestimmten Situationen helfen konnten. Die Erwartungen, die ich vor meinem Indien-Aufenthalt hatte, bestaetigten oder widerlegten sich schon in den ersten Wochen. Vor allem die Erwartungen, die ich an die Klassen hatte, bestaetigten sich nicht. Dies fuehrte schliesslich auch dazu, dass ich in den ersten Wochen ein ums andere Mal enttaeuscht aus den Klassen kam und mich fragte, ob der „Lehrerjob“ fuer mich das richtige sein wuerde. Allerdings hatte ich mir auch vorgenommen nicht zu schnell aufzugeben, was sich letztendlich auch gelohnt hat. Mit der Zeit ist mir meine Aufgabe vertrauter geworden und man ist entspannter in die Klassen gegangen. Zu dieser Zeit hat die Arbeit angefangen mir Spass zu machen, da ich durch meine neue Unterrichtsweise erste Erfolge gesehen habe. Fuer mich war schliesslich die Geduld der Schluessel zum Erfolg. Wenn man mit seiner Arbeit zufrieden ist und sich mit all den Menschen gut versteht, dann entsteht in einem eine innere Bindung zu der Arbeit, die man verrichtet, und man fuehlt sich ganz einfach wie zu Hause. Dieses Gefuehl ist aufgetreten, seitdem ich sehr zufrieden mit allem bin. Mittlerweile kann ich mir nicht mehr vorstellen dieses Projekt zu verlassen. Ich habe jetzt zwei „Zuhause“.
Meine Reise nach Indien war meine erste groessere Reise, die ich allein unternommen habe. Indien kannte ich natuerlich bisher nur aus dem Fernsehen. Wunderschoene Landschaften, eine breite Tierwelt, tropische Temperaturen, herzliche Menschen, eine der vielfaeltigsten Kulturen der Welt, allerdings auch sehr viele Menschen, ein riesiges Muellproblem, ein ungeordneter Verkehr, viele Krankheiten, Massenarmut und die Probleme mit den Nachbarlaendern Pakistan und Sri Lanka, kannte ich vorher schon aus den Nachrichten und Doku’s der Medien. Viele Dinge haben sich bestaetigt, teilweise heftiger als ich erwartet haette. Wie beispielsweise das Muellproblem, was mir anfangs wirklich erschreckend erschien. Auch der soziale Kontrast bestaetigte sich in Dharwad heftiger, als ich es aus Bangalore, wo mein Arrivalcamp war, gekannt hatte. Ansonsten haben mich besonders die Menschen mit ihrer Hilfbereitschaft und Herzlichkeit ueberrascht. Wenn man einmal Hilfe braucht, stehen sofort ein Duzend Menschen in den Startloechern, um dir zu helfen.
Nun nach ueber einem halben Jahr in meinem Projekt, kann ich sagen, dass ich gluecklich bin. In meinen Alltag ist natuerlich sowas wie Normalitaet eingekehrt. Man hat einen Plan fuer die Klassen und an der Arbeit sind, im Allgemeinen, keine Besonderheiten mehr zu finden. Ich war nun auch schon einmal auf Reisen und habe Indien etwas naeher kennengelernt. Im Bus zu sitzen, der einen, wenn man hinten sitzt, ca. Einen halben Meter in die Luft schleudert, wenn dieser ueber einen kleinen Buckel faehrt, ist nichts besonderes mehr. Dinge, die einem vor vier Monaten besonders erschienen, sind gewohnt und man wuerdigt ihnen nicht mehr so viel Aufmerksamkeit. Meine Arbeit laeuft sehr gut, obwohl es manchmal nicht so einfach ist. Allerdings weiss ich wie wichtig meine Arbeit fuer das Projekt ist. Ohne die Arbeit der Freiwilligen, koennte das Projekt nicht bestehen. Ich habe einen Stundenplan fuer meine komplette Arbeit, der mir hilft den Ueberblick ueber meine Aufgaben nicht zu verlieren. Ich hatte niemals das Gefuehl nutzlos zu sein oder gar im Weg zu stehen. Unumstoesslich ist auch die Tatsache, dass mich dieses soziale Jahr sehr veraendert. Ich lerne viel von den Kindern und teilweise habe ich, trotz all meiner Aufgaben, das Gefuehl, dass mir dieses Jahr mehr geben wird, als ich jemals in einem Jahr geben koennte. Das Gefuehl ist manchmal etwas frustrierend, allerdings troestet mich der Gedanke, dass auch die Kinder allein durch meine Anwesenheit viel lernen. Am Ende wird man sehen, was dieses Jahr aus mir gemacht hat. Bei all den Eindruecken lernt man definitiv viel ueber die Welt in der wir leben. Die Zusammenarbeit mit der Leitung des Projektes laeuft recht gut, da sie immer ein Ohr fuer uns Freiwilligen hat und uns bei Problemen unterstuetzt. Ich fuehle mich in meinem Projekt gut aufgehoben. Wir Freiwilligen, die Gruender und die Angestellten bilden eine Art „Familie“. Durch die Zusammenarbeit hat man auch einen kleinen Einblick in das Berufsleben, wie ich finde.
Meine Rolle im Projekt hat sich nicht grossartig veraendert. Da neue Freiwillige im Projekt ankommen, ist man zu einer Bezugsperson fuer kleine Probleme und Fragen geworden, so wie ich diese Bezugspersonen am Anfang auch gebraucht hatte. Ich bin seitdem ich im Projekt arbeite Lehrer und die Aufgabe macht mir weiterhin sehr viel Freude. Vielleicht bin ich fuer das Projekt im Allgemeinen wichtiger geworden, da ich an das normale Schulleben hier gewoehnt bin, was heisst: Ich kann etwas mehr Verantwortung fuer gewisse Aufgaben uebernehmen, die man an Freiwillige, die nicht so lange im Projekt leben, eher nicht anvertraut. Fuer die Zukunft plane ich, wie gesagt, in der Krankenstation aktiv zu werden, da mich diese Art von Arbeit sehr interessiert. Ich weiss auch, dass das die Schule sehr entlasten wird, da es nicht viele gibt, die diese Aufgabe uebernehmen moechten. Ansonsten hoffe ich, dass ich die Klassen bis zu einem gewissen Punkt beeinflussen kann und meine Arbeit, die ich hier geleistet habe, auch nach meiner Abreise weiterhin sichtbar bleibt.
Alles in Allem habe ich in der Zeit, wo ich hier lebe, viele Menschen kennengelernt. Viele Frewillige, die ich traf, sind meine Freunde geworden. Viele Dinge sind normal geworden und haben einen Alltag gebildet. Bei Gespraechen mit den Menschen in Indien, kann ich besser ihre Sichtweisen verstehen. Auch Reaktionen und die Kultur sind mir verstaendlicher geworden. Ich glaube auch, dass genau das uns Freiwillige von Touristen unterscheidet. Wir verstehen, durch den engen Kontakt zu den Menschen, besser und werden von ihnen auch als Freunde gesehen.

Julius Koch

Donnerstag, 23. Februar 2012

Oh, du mein Computer!

Hallo Leute! Mein Computer hat mal wieder den Geist aufgegeben. Vielleicht nun endgueltig. Aber (!) das wird mich nicht vom Schreiben abhalten. Der naechste Eintrag wird bald folgen, in dem ich euch ueber meine Reiseplaene berichten werde und vieles mehr!
Soweit die kurze Info. Ich hoffe es geht euch allen gut!

Julius

Donnerstag, 26. Januar 2012

Indische Klänge



Die Maserung des Holzes ist klar zu sehen. Wie bei der Gitarre, sind die Linien des Holzes möglichst parallel, damit das Holz besser schwingt. Jedoch ist das Holt dicker, dadurch erscheinen die Töne fern. Man spürt und hört sie dennoch klar und deutlich. Das Holz ist mit rötlichem Lack bestrichen und mit Verzierungen versehen, die Lilien und tropische Blüten darstellen. Der Lack lässt das Holz glänzen, als würden Flammen auf der Maserung tanzen. Fein gebogene, glänzende Metallbögen sind durch Schnüre am Schaft befestigt, die die Töne kreieren. Der Schaft ist lang und in ihm sind viele kleine Metall-Seiten gesponnen, die jeden Ton exotisch wirken lassen. Die vielen Seiten können durch ebenso viele Schrauben gestimmt werden und lassen den Schaft nur noch umso breiter erscheinen. Indische Seiten werden fein und säuberlich gestimmt, dazu dienen dem Musiker kleine reich verzierte Stifte, die an den Seiten befestigt sind und oft Tiere darstellen, die die Nähe zur Natur darstellen sollen. Das Griffbrett ist allgemein viel länger und lässt viele melodische Variationen zu. Sa, Re, Ga, Ma, Pa, Re, Ni, Sa sind die Namen der Töne, die so wichtig sind. Der Runpf ist klein und rund geschwungen. Ohne den langen reich verzierten Schaft, hätte es die Form eines Balles. Man sitzt in einer bestimmten Stellung, um das Instrument halten zu können und auf dem rechten Zeigefinger trägt man ein spezielles Drahtgestell, das dazu dient einer der Hauptseiten anzuschlagen. Der rechte Daumen ist beim Spielen stets am Schaft zu fixieren und alle anderen Finger folgen den Bewegungen des rechten Zeigefingers. Kein angeschlagener Ton bleibt allein, er wird immer begleiten von einer Vielzahl von Tönen im Hintergrund. Sie können schnell klingen, verzaubern und reißen einen von der zu tiefst melancholischen Stimmung in den aller höchsten Sturm der Harmonie.
Ich spreche von dem Instrument Indiens, eines der Wahrzeichen und eines der ältesten Kulturgüter des so farbenfrohen und so lauten Landes. Schon das alte Hindureich soll von den tropischen und exotischen Klängen verzaubert worden sein. Heute trifft man es auf jedem klassischen Konzert der indischen Musik und was wahre Musiker mit diesem Instrument anstellen können ist nahezu unglaublich. Viele Kinder hier spielen es. Ihr wisst wovon ich spreche. Die Sitar.

Es ist Donnerstag. Morgens werden Hausaufgaben korrigiert. Mal wieder. Die englischen Zeitformen sind nicht so jedes Kindes Stärke. Die vierte Klasse ist gute und lernt fleißig. Bei der dritten wird noch experimentiert. Es kommt stets auf die Metodik an. Ich bin kein Lehrer, dennoch sehe ich eine Besserung, der, wenn nicht gar schwierigsten Klassen der Musikschule. Extraclass mit den Viertklässlern ist für uns alle immer Spaß pur. Im Anschluss die dritte Klasse, die am Tag meine meiste Energie raubt. Nicht aufgeben! Ich sehe kleine Erfolge und auch kleine Schritte führen zum Ziel. Mittagessen: Reis, Samba, Sabjé. Ich wasche mir meistens schonmal die Füße, denn nach der vierten Klasse bleibt nicht viel Zeit. Die vierte Klasse, gemeinsam mit Deepa, der neuen indischen Lehrerin: Natürlich! Englische Zeiten. Die Klasse gibt sich Mühe und knackt so langsam die Unterschiede. Öfters muss ich Deepa's Englisch verbessern. Die Stunde ist vorbei. Jemand schlägt mit einer großen Schraube gegen das Stück Schiene der indischen Eisenbahn, das die Schulglocke symbolisiert. Ich muss schnell den Klassenraum verlassen, denn es wird Zeit. Schnell in mein neues , eigenes Zimmer. Kleiner Rucksack, Stoffbeutel, Ganesh-Tasche und Notizbuch. Geld habe ich immer schon in meiner Ganesh-Tasche. Schuhe angezogen und auf geht’s. Achja! Meine Softshelljacke! Es könnte kalt werden heute Abend. Es geht runter ins Dorf, wo ich mir noch eben eine Coke oder ähnliches kaufe, dann mit dem Bus nach Dharwad.

Ich habe „Sitarclass“. Mein Lehrer ist ein sehr bekannter Sitarspieler und ich habe die Ehre bei ihm Unterricht haben zu dürfen. Sein Name ist Hameed Khan. Sein Großvater war in ganz Indien berühmt für seine Sitarmusik. Die ganze Familie Khan hat sich dem Sitarspiel gewidmet. Alle samt sind Musiker. Mein Lehrer hat nicht nur in Indien Konzerte gegeben, sondern gab auch unter anderem in Deutschland, Frankreich, Italien, Holland und Amerika Konzerte. Er kennt mein Projekt sehr gut, denn er hat eine enge Freundschaft zu der Gründerfamilie, die im Jahre 2002 diese Schule gründete.
Ich steige am „Mainbusstation“ in Dharwad aus und mache mich auf den Weg zum „City-Busstand“, der ca. dreihundert Meter von dem anderen Busstand entfernt ist. Man braucht dennoch, auf Grund der Menschenmassen, fünf Minuten für diese Strecke. Vom „City-Busstand“ aus nehme ich einen Bus Richtung Bahnhof und steige in „Yamikeri“ aus. Einem Musikerviertel. Dharwad und Hubli sind in ganz Indien berühmt für ihre klassische Musik. Wenn man die Hauptstraße verlässt und sich in einen der kleineren Gassen wiederfindet, dann dringt von überall aus den Häusern Sitar-, Tabla-, Geigen- und Harmoniummusik an die Ohren. Auch indischer Gesang ist dabei. Die Atmosphäre ist allgemein sehr schön, da überall in den kleinen Gassen bunte Blumen wachsen und Kühe und Hunde in den Schatten der Straßen liegen. Ab und zu ist auch mal ein Stier dabei, was schon ein mulmiges Gefühl in mir weckt, wenn ich einen solchen ausgewachsenen Koloss passiere. Aber sie sind immer sehr friedlich. Alles andere würde mich bei der alles umgebenden Musik auch wundern.
Ich klingel an der Tür. Nicht viele Häuser haben Klingeln. An einem kleinen Schild rechts neben der Tür steht in goldener Schrift: „Hameed Khan – Sitarist“ Die Tür geht auf. Mein Lehrer steht vor mir, erblickt mich, lächelt und sagt „Ah!“. Er deutet auf die gewundene Treppe, außen am Haus, die für Besucher oder Schüler in den zweiten Stock führt. Mr. Khan bisitzt ein eigenes Musikzimmer, das ausschließlich zum üben gedacht ist. Neben fünf Sitars in einem Regal stehen in dem Raum noch drei bis vier Tablas, zwei Harmonien, eine Gitarre, eine Musikanlage und zahlreiche Bücher. Der Raum ist sehr schön, da die Wände überwiegend aus Fenstern bestehen, die mit typisch indischen Mustern verziert sind. Es ist sehr ruhig in der Nähe des Hauses, was einen entspannt und auf die kommende Musik einstimmt. Hameed Khan hat auch Söhne, die alle älter als ich sind und auch schon Sitarspieler sind. Wenn ich eintreffe, sind sie manchmal im Musikraum und üben, verlassen aber mit einem freundlichem Lächeln den Raum, sobald ich eintrete.
Mein Lehrer taucht meistens fünf Minuten später auf. Anfangs besteht der Unterricht daraus, dass man immer wieder in verschiedenen Formen die Tonleiter auf und ab spielt. Anfangs habe ich eines gemerkt: Ich sollte öfters zu Hause im Schneidersitz sitzen. Bei der richtigen Haltung ist es gesund und dehnt auch die Bänder. Beim Sitarspiel schlägt man das rechte Bein über das Linke und das Linke winkelt man nahe an den Körper an, sodass man den Rumpf der Sitar auf die linke Fußsohle legen kann. Wenn man nun den rechten Arm auf den Runpf legt und den Daumen auf die unterste Stelle des Griffbrettes legt, dann ist es nicht mehr nötig das Instrument festzuhalten. Das Instrument balanciert sich entspannt selbst zwischen Fußsohle und rechten Arm und Daumen. Diese Stellung erinnert etwas an die Haltung beim klassischen Gitarrenspiel. Natürlich spielt man barfuß. Der Unterricht ist sehr ruhig. Oft spielen wir zusammen, was sich sehr schön anhört. Meine Stunde dauert eine Stunde.
Durch den sehr persönlich Unterricht bekommt man einen tiefen Einblick in die indische Kultur und in die indische Musik. Man lernt noch mehr Instrumente klingen, die alle sich in ihrer Spielweise, Form und Klang unterscheiden. Durch den Unterricht habe ich auch die Möglichkeit Freunde meines Lehrers kennenzulernen, die aus vielen verschieden Ländern kommen. Beispielsweise war im letzten Monat ein Franzose zu Gast, der schon seit achtzehn Jahren nach Indien kommt, um der indischen Musik nahe zu sein.
Nach meiner Unterrichtsstunde gehe ich meistens in Dharwad noch was Essen und kaufe ein paar Lebensmittel ein. Das Sitarspiel macht mir sehr viel Spaß. Deshalb werde ich bald auch stolzer Besitzer einer eigenen Sitar sein. Dank meiner Eltern, die mich in dieser Sache netterweise finanziell unterstützen. Ein Sitar, später in meinem Zimmer zu Hause oder in einer WG, ist sicherlich schön anzuschauen. Abends bei zahlreichen Musikstunden mit den anderen Freiwilligen, werde ich zukünftig wohl auch mal zur Sitar, anstelle von der Gitarre, greifen. Gitarre und Sitar lassen sich, wie ich vermute, auch gut kombinieren!

Viel Neues habe ich ansonsten nicht zu berichten. Ich bin gerade dabei meine nächsten Schritte zu planen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Auch bin ich gerade an dem Punkt angekommen, von dem man sagen könnte es ist gerade Halbzeit. Klingt mal wieder lang und zugleich kurz... Ich weiß gerade nicht, ob ich schon über meine nächste Reise gesprochen habe. Mein Plan sieht vor, dass ich im Mai für fünf Wochen nach Nepal gehe. Was ich dort tun werde, können sich die, die mich kennen sicherlich denken! Denjenigen, die sich keine Vorstellung machen können, gebe ich einen Tipp: Berge!

Ich hoffe es geht euch allen gut. Die Tage in Deutschland werden ja nun auch immer länger und es wird bald auf den Frühling zugehen. Meine Familie wird im April kommen und wir werden zusammen Kerala, Hampi und Dharwad bereisen.

Ansonsten: Bis Bald und alles Gute!

Julius

Montag, 16. Januar 2012

Gestern


           
                                                Es war ein Tag, er war blau und klar,
                                                Wir lieben Dinge, die wir verstehen.
                                                Auf der Schwelle die reglos junge Frau,
                                                Zwischen uns ist man allein.
                                               
                                                Die Hunde mögen keine Fremden,
                                                Der Lebensweg ist zu verschieden.
                                                Der Gruß, das Lächeln, überall einsam,
                                                Zwischen uns ist man allein.
                                               
                                                Die Farben so bunt, der Tanz die Harmonie,
                                                Man steht in Scharr, dicht an dicht.
                                                Doch raus aus dem Rahmen kommt man nicht,
                                                Zwischen uns ist man allein.
                                               
                                                Die Religion verzaubert und beherrscht,
                                                Man lebt für sie und gibt sich hin.
                                                Es ist nicht vorstellbar aus dem mir Bekannten,
                                                Zwischen uns ist man allein.
                                               
                                                Die Jüngsten so nah, die Sprache so fern,
                                                Sie werfen hoch, sie lassen fallen.
                                                Wahre Emotionen halten uns gefangen,
                                                Man ist niemals allein.
                                               
                                                Das Kerzenlicht bestimmt die Gefühle,
                                                Wie auch Gitarrenspiel und ruhige Gespräche.
                                                Zusammen sind wir alle,
                                                Man ist niemals allein.

Samstag, 31. Dezember 2011

Frohes Neues Jahr!


Vor einem Jahr sagte man zu mir: "Das Jahr 2011 wird ja sehr ereignisreich fuer dich werden!" Zurueckblickend stimme ich dem voll und ganz zu!
Ansonsten fasse ich mich kurz: Das indische Silvester ist alles andere als langweilig! Fuer Munition ist gesorgt! Die Kanonen und der Feuermeister namens Julius liegen in den Startloechern! Die indischen Trommeln singen! Der Countdown laeuft fuer ein, hoffentlich, erfolgreiches Jahr!
Ein frohes neues Jahr euch Allen und alles Gute!

Julius

Montag, 26. Dezember 2011

Wir bleiben stumm

Zur Begrüßung führt man die Hände an der Brust aneinander. “Namasté!“
“Where are you from? “
“I come from Germany. “
“Hah, Germany.” Man hat keine Ahnung, wo es liegt.
“What is your name?”
“My name is Julius.”
“Are you marriage?”
“No, I’m not.”
“How old are you?”
“Twenty.”
“What? Twenty? You are so young?”
Ja, ich bin zwanzig. Bin ich immer noch jung? Meine Kindheit ist vorbei. Dennoch kann ich glücklich sein, dass ich in Deutschland groß geworden bin. Es lässt sich wirklich sagen, dass ich sorglos aufgewachsen bin. Hier in Kalkeri verläuft die Kindheit ganz anders. In der Schulzeit lebt man in der Schule. Man isst jeden Tag Reis und freut sich, wenn es Besonderheiten wie Kartoffeln, Brot und Eier gibt. Man steht um halb fünf auf und beginnt mit seinem Instrument zu üben. Nach dem Frühstück folgt der Unterricht, der bis zwanzig vor fünf geht. Danach hat man neunzig Minuten frei. Anschließend werden die Hausaufgaben gemacht, man isst zu Abend, guckt manchmal noch einen Film in der Yogahall und geht schließlich schlafen. Dies ist der Tagesablauf eines Kindes von Montag bis Samstag. Der einzig freie Tag ist Sonntag. In den Ferien fährt man nach Hause zu seinen Familien, was nicht bedeutet, dass man frei hat. Es wird gearbeitet. Viele Eltern der Kinder betreiben eine Farm und dort muss täglich ausgeholfen werden. Oft sind die Kinder froh, wenn sie wieder in die Schule dürfen.
Nun die deutsche Version: Der Wecker klingelt um zehn nach sechs, manchmal auch um neun oder zehn. Man geht ins saubere Badezimmer und kommt sauber heraus. Der Frühstückstisch ist gedeckt mit Toastbrot, Brötchen, Croissants, Marmeladen, Honig, Nutella, Kaffe, Kakao, Milch, Salami, Käse und nicht zu vergessen mit sauberem Besteck und sauberen Tellern. In der Schule sitzt man auf Stühlen und an sauberen Tischen. Das Essen aus der Kantine wurde absolut hygienisch behandelt und es wird genauso viel angeboten, wie morgens am Frühstückstisch. Die Schule endet durchschnittlich zwischen eins und zwei und der Unterricht wird von ausgebildeten Lehrern getragen, die pädagogisch eine besondere Ausbildung an der Universität hatten. Nachmittags kommt man nach Hause und schmeißt den Schulkram, im eigenen Zimmer, in die nächste Ecke, um sich einem Buch und der Musik aus der Stereoanlage zu widmen. Von der Vielfalt beim Mittagessen fang ich gar nicht erst an. Letztendlich opfert man dem Lernen für die Schule nur noch dreißig bis sechzig Minuten. Im Urlaub geht es hinaus in die Welt. Wie man seine Freizeit gestaltet, ist natürlich von Person zu Person abhängig, dennoch ist es klar, dass man dabei jeden erdenklichen Luxus genießt und gar nicht lernt die kleinen Dinge im Leben zu schätzen.
Eigentlich wollte ich von etwas ganz anderem schreiben. Nämlich davon, dass ich selbst merke, wie ich von Tag zu Tag offener werde. Aber wenn ich nun genauer über den ersten Teil meines Textes nachdenke, dann fällt mir auf, dass mich genau diese Erkenntnisse verändern. Ebenso ist mir klar geworden, dass die kleine Schule, in der ich lebe, mir mehr geben wird, als ich ihr jemals im gesamten Jahr geben könnte. Es ist einerseits schwer das einzusehen, andererseits bin ich nicht der erste Freiwillige hier und den anderen wird es nicht anders ergangen sein.
Vielleicht ist es auch der Unterricht, der mich so verändert. Ständig arbeitet man mit den Kindern, die kaum etwas besitzen, außer ihren großen Charakter, auf ein gewisses Ziel zu. Es ist ein ganz anderes Lernen, im Gegensatz zur Schule. Ich glaube, dass das Unterrichten hier mir später auch sehr in der Universität helfen wird. Man arbeitet in einer gewissen Weise nun wissenschaftlich, da ich selbst herausfinden muss, wie Kinder am besten eine fremde Sprache lernen. Hinzu kommt, dass man auch die fremde Kultur und die sozialen Umstände berücksichtigen muss.
(Ab hier sieht mein ä, ö und ü so aus: ae, oe, ue, denn ich schreibe ab hier mit einem englischen Laptop. Wie ihr sicherlich mitbekommen habt, habe ich lange nichts mehr geschrieben. Das lag nicht daran, dass ich keine Lust mehr auf Schreiben hatte, sondern, dass mein Windows den Loeffel abgegeben hat! Mein Computer liegt also momentan im Koma. Allerdings erwarte ich eine neue Windows CD, die dann hoffentlich meinen Computer wieder zum Leben erweckt. Und nun zurueck zum dem was ich euch vor ca. Zwei Monaten schreiben wollte...)

Man stellt sich nach nun fasst fuenf Monaten viele Fragen, unter anderem nach dem Sinn meiner Arbeit. Ich meine dabei allerdings nicht den Sinn meiner Arbeit, der meiner Schule nutzt. Natuerlich ist es nicht leicht und vielleicht auch nicht moeglich einen hoeheren Sinn in all Dem hier zu finden. Man denkt allgemein viel ueber die erlebten Dinge nach und dabei erscheint einem das Leben oftmals sehr klein und kurz. Ein Beispiel, das vielleicht etwas schwachsinnig ist, womit man sich aber durchaus beschaeftigt: Ich verbringe ein Jahr in Indien. Der Durchschnittsmensch hat ungefaehr 75 Lebensjahre zur Verfuegung. Wenn ich nun ueber das gesamte Leben eines Menschen nachdenke, dann erscheint mir dieses eine Jahr schon als ein ziemlich grosser Teil. Das ist sehr philosophisch und vermutlich auch sehr unverstaendlich. Aber diejenigen, die mir bis hierhin folgen konnten, werden vielleicht sich eine Vorstellung von dem Sinn meiner Gedankenwelt hier machen koennen. Dieses Jahr wird eine viel groessere Bedeutung fuer mein Leben haben, als ich es mir vorher je vorstellen konnte.
Vermutlich habe ich all die Gedanken ueber das „Warum?“, da ich taeglich sehr viele Eindruecke habe und es mir oft erscheint, dass ich viele gar nicht verarbeiten kann. Wenn ich wieder in Deutschland bin und mich jemand fragt: „Erzaehl mal was ueber Indien!“ Dann werde ich demjenigen wohl keine Antwort geben koennen. Alles was ich bewusst und unbewusst nun ueber das indische Leben gelernt habe, werde ich in meinem ganzen Leben nicht erzaehlen koennen. Auch nur einen kleinen Teil zu erzaehlen, wird mir nicht gefallen, denn wenn ich beispielsweise sage: „Ich bin oefters abends mit Sara und Frederic ins Dorf hinunter gegangen, um ein Omlet zu essen.“ Dieser Satz bedeutet so viel und umfasst viele Dinge, die ganz anders sind zum europaeischen Leben, sodass ich mich sehr unwohl fuehlen wuerde nur diesen einen Satz zu erzaehlen. Wie ihr merkt, ist es mir nicht moeglich euch eine richtige Vorstellung von meinen Erzaehlungen zu machen. Natuerlich werde ich euch dennoch von Indien erzaehlen!
Letztenendes werden wir Frewilligen uns gegenseitig nur wirklich verstehen. Denn den Indern ueber solche Themen zu erzaehlen macht keinen Sinn. Fuer jemanden, der in dieser Kultur aufwaechst, sind all die Erlebnisse meistens voellig normal und darin dann den Hintergrund meiner Gefuehle und Gedanken zu sehen ist praktisch unmoeglich. Aber vielleicht haette ich das von Anfang an erwarten muessen.

In der Zwischzeit ist sehr viel passiert. Um euch ein paar Stichpunkte zu geben: Neue Klasse, Olympische Spiele, Midyear Camp und Weihnachten. Ich werde nun versuchen euch so viel wie moeglich ueber diese Dinge zu erzaehlen.
Mein letzter Eintrag war ueber meinen Urlaub. Nachdem ich wieder gekommen bin, ging der Schulalltag wieder los und somit auch meine Englischklassen. Es gab aber eine kleine Aenderung. Ich unterrichte jetzt nicht mehr die fuenfte sondern die vierte Klasse. Sie ist ebenfalls sehr aufgeweckt, allerdings viel mehr leistungsorientiert. Somit macht der Unterricht sehr viel Spass. Ebenfalls hat sich auch was in der dritten Klasse getan. Ich unterrichte jetzt nur noch die leistungsstarken Schueler, da die Schule eine weitere indische Englischlehrerin eingestellt hat, die die schwachen Schueler meiner dritten Klasse uebernimmt, da sie Kannada versteht. Jetzt muss ich die leistungsstarken Schueler nur noch davon ueberzeugen, dass sie lestungsstark sind!
Am zehnten und elften Dezember fanden die olympischen Spiele fuer die Kinder statt. Es waren Spiele der absoluten Hoechstspannung und Dramatik! Es wurde um Gold, Silber und Bronze beispielhaft gekaempft. Die echten Spiele haetten es nicht toppen koennen. Sieger wurden gefeiert und Vielerer uebergaben sich den Traenen. Es waren die Spiele der Emotionen. Man pruefte sein Koennen in folgenden Kategorien: 100-Meter Sprint, 400-Meter Sprint, Hochsprung, Weitsprung, Coq-Fight und Special Race. Die Kinder bildeten Teams, wobei man fuer das Team Punkte sammelte, aber auch die Einzelwertung beruecksichtigt wurde. Zu gewinnen gab es Suessigkeiten und die Teams gewannen neue Sportsachen fuer die Schule. Das Special Race war der Hoehepunkt der Spiele. Es war eine umgewandelte Form des Platechecks, Eierlaufen und Sackhuepfen. Die olympischen Spiele waren fuer mich eine besondere Erfahrung, da ich fuer die Kinder nicht der Lehrer war und somit ein viel engere Beziehung zu ihnen hatte. Es hat mir viel Freude gemacht Fotos zu schiessen und die Kinder zu betreuen.
Unmittelbar nach den Olympischen Spielen war es auch schon Zeit fuer das sog. Midyear Camp. Dies fand in Mysore, auf dem Infosys-Gelaende statt. Am vierzehnten Dezember nahm ich einen Nachtzug von Dharwad nach Mysore. Die gesamte Zugfahrt dauerte ueber zehn Stunden fuer ca. 490km. Das Infosys-Gelaende, wovon es in ganz Indien drei Stueck gibt, wobei unseres aber der groesste Campus in ganz Asien ist, umfasst ungefaehr 135 Hektar. Das Gebiet hat ein eigenes Kino, ein riesigen Sportcampus, viele Restaurants und eine riesige Wohnflaeche. Die Zimmer waren im Gegensatz zu unserer Schlammhuette ein echter Luxus, da wir ein weiches Bett, ein tolles steinernes Badezimmer und einen Fernseher hatten. Und es war sauber! Es war schoen all die anderen Freiwilligen wieder zusehen und sich ueber die bisherigen Erlebnisse auszutauschen. Die letzten zwei Tage verbrachten wir in einem Nationalpark, wo wir Tiger, Baeren und anderes Getier sahen.
Und nun ist auch schon Weihnachten! Den Heiligabend verbrachte ich mit allen anderen Freiwilligen und der Gruenderfamilie, die am selben Tag aus Kanada angekommen waren. Wir haben ein tolles Festessen veranstaltet und haben unter den Sternen am Lagerfeuer Gitarre gespielt, gesungen und gegessen. Es ist ein anderes Weihnachten, so viel ist sicher! Aber es ist schoen.

Frohe Weihnachten! An all meine Freunde daheim, an meine Familie (die sich heute mal weihnachtlich zusammensetzt und gemeinsam feiert) und an all die anderen die meinen Blog verfolgen. Ich hoffe ihr habt besinnliche Festtage und geniesst die gewohnt ruhige und romantische Atmosphaere! Ich bin in Gedanken bei euch.

Silvester werde ich auch in der Schule feiern und mir einige von den fast lebensgefaehrlichen Knallern besorgen. Die Coldseason ist bald vorbei und die taegliche Temperatur liegt bei ueber 35 Grad. Man muss mehrmals am Tag sagen, dass Weihnachten ist. Ansonsten glaubt man das nicht.

Viele liebe Gruesse!

Julius