Donnerstag, 26. Januar 2012

Indische Klänge



Die Maserung des Holzes ist klar zu sehen. Wie bei der Gitarre, sind die Linien des Holzes möglichst parallel, damit das Holz besser schwingt. Jedoch ist das Holt dicker, dadurch erscheinen die Töne fern. Man spürt und hört sie dennoch klar und deutlich. Das Holz ist mit rötlichem Lack bestrichen und mit Verzierungen versehen, die Lilien und tropische Blüten darstellen. Der Lack lässt das Holz glänzen, als würden Flammen auf der Maserung tanzen. Fein gebogene, glänzende Metallbögen sind durch Schnüre am Schaft befestigt, die die Töne kreieren. Der Schaft ist lang und in ihm sind viele kleine Metall-Seiten gesponnen, die jeden Ton exotisch wirken lassen. Die vielen Seiten können durch ebenso viele Schrauben gestimmt werden und lassen den Schaft nur noch umso breiter erscheinen. Indische Seiten werden fein und säuberlich gestimmt, dazu dienen dem Musiker kleine reich verzierte Stifte, die an den Seiten befestigt sind und oft Tiere darstellen, die die Nähe zur Natur darstellen sollen. Das Griffbrett ist allgemein viel länger und lässt viele melodische Variationen zu. Sa, Re, Ga, Ma, Pa, Re, Ni, Sa sind die Namen der Töne, die so wichtig sind. Der Runpf ist klein und rund geschwungen. Ohne den langen reich verzierten Schaft, hätte es die Form eines Balles. Man sitzt in einer bestimmten Stellung, um das Instrument halten zu können und auf dem rechten Zeigefinger trägt man ein spezielles Drahtgestell, das dazu dient einer der Hauptseiten anzuschlagen. Der rechte Daumen ist beim Spielen stets am Schaft zu fixieren und alle anderen Finger folgen den Bewegungen des rechten Zeigefingers. Kein angeschlagener Ton bleibt allein, er wird immer begleiten von einer Vielzahl von Tönen im Hintergrund. Sie können schnell klingen, verzaubern und reißen einen von der zu tiefst melancholischen Stimmung in den aller höchsten Sturm der Harmonie.
Ich spreche von dem Instrument Indiens, eines der Wahrzeichen und eines der ältesten Kulturgüter des so farbenfrohen und so lauten Landes. Schon das alte Hindureich soll von den tropischen und exotischen Klängen verzaubert worden sein. Heute trifft man es auf jedem klassischen Konzert der indischen Musik und was wahre Musiker mit diesem Instrument anstellen können ist nahezu unglaublich. Viele Kinder hier spielen es. Ihr wisst wovon ich spreche. Die Sitar.

Es ist Donnerstag. Morgens werden Hausaufgaben korrigiert. Mal wieder. Die englischen Zeitformen sind nicht so jedes Kindes Stärke. Die vierte Klasse ist gute und lernt fleißig. Bei der dritten wird noch experimentiert. Es kommt stets auf die Metodik an. Ich bin kein Lehrer, dennoch sehe ich eine Besserung, der, wenn nicht gar schwierigsten Klassen der Musikschule. Extraclass mit den Viertklässlern ist für uns alle immer Spaß pur. Im Anschluss die dritte Klasse, die am Tag meine meiste Energie raubt. Nicht aufgeben! Ich sehe kleine Erfolge und auch kleine Schritte führen zum Ziel. Mittagessen: Reis, Samba, Sabjé. Ich wasche mir meistens schonmal die Füße, denn nach der vierten Klasse bleibt nicht viel Zeit. Die vierte Klasse, gemeinsam mit Deepa, der neuen indischen Lehrerin: Natürlich! Englische Zeiten. Die Klasse gibt sich Mühe und knackt so langsam die Unterschiede. Öfters muss ich Deepa's Englisch verbessern. Die Stunde ist vorbei. Jemand schlägt mit einer großen Schraube gegen das Stück Schiene der indischen Eisenbahn, das die Schulglocke symbolisiert. Ich muss schnell den Klassenraum verlassen, denn es wird Zeit. Schnell in mein neues , eigenes Zimmer. Kleiner Rucksack, Stoffbeutel, Ganesh-Tasche und Notizbuch. Geld habe ich immer schon in meiner Ganesh-Tasche. Schuhe angezogen und auf geht’s. Achja! Meine Softshelljacke! Es könnte kalt werden heute Abend. Es geht runter ins Dorf, wo ich mir noch eben eine Coke oder ähnliches kaufe, dann mit dem Bus nach Dharwad.

Ich habe „Sitarclass“. Mein Lehrer ist ein sehr bekannter Sitarspieler und ich habe die Ehre bei ihm Unterricht haben zu dürfen. Sein Name ist Hameed Khan. Sein Großvater war in ganz Indien berühmt für seine Sitarmusik. Die ganze Familie Khan hat sich dem Sitarspiel gewidmet. Alle samt sind Musiker. Mein Lehrer hat nicht nur in Indien Konzerte gegeben, sondern gab auch unter anderem in Deutschland, Frankreich, Italien, Holland und Amerika Konzerte. Er kennt mein Projekt sehr gut, denn er hat eine enge Freundschaft zu der Gründerfamilie, die im Jahre 2002 diese Schule gründete.
Ich steige am „Mainbusstation“ in Dharwad aus und mache mich auf den Weg zum „City-Busstand“, der ca. dreihundert Meter von dem anderen Busstand entfernt ist. Man braucht dennoch, auf Grund der Menschenmassen, fünf Minuten für diese Strecke. Vom „City-Busstand“ aus nehme ich einen Bus Richtung Bahnhof und steige in „Yamikeri“ aus. Einem Musikerviertel. Dharwad und Hubli sind in ganz Indien berühmt für ihre klassische Musik. Wenn man die Hauptstraße verlässt und sich in einen der kleineren Gassen wiederfindet, dann dringt von überall aus den Häusern Sitar-, Tabla-, Geigen- und Harmoniummusik an die Ohren. Auch indischer Gesang ist dabei. Die Atmosphäre ist allgemein sehr schön, da überall in den kleinen Gassen bunte Blumen wachsen und Kühe und Hunde in den Schatten der Straßen liegen. Ab und zu ist auch mal ein Stier dabei, was schon ein mulmiges Gefühl in mir weckt, wenn ich einen solchen ausgewachsenen Koloss passiere. Aber sie sind immer sehr friedlich. Alles andere würde mich bei der alles umgebenden Musik auch wundern.
Ich klingel an der Tür. Nicht viele Häuser haben Klingeln. An einem kleinen Schild rechts neben der Tür steht in goldener Schrift: „Hameed Khan – Sitarist“ Die Tür geht auf. Mein Lehrer steht vor mir, erblickt mich, lächelt und sagt „Ah!“. Er deutet auf die gewundene Treppe, außen am Haus, die für Besucher oder Schüler in den zweiten Stock führt. Mr. Khan bisitzt ein eigenes Musikzimmer, das ausschließlich zum üben gedacht ist. Neben fünf Sitars in einem Regal stehen in dem Raum noch drei bis vier Tablas, zwei Harmonien, eine Gitarre, eine Musikanlage und zahlreiche Bücher. Der Raum ist sehr schön, da die Wände überwiegend aus Fenstern bestehen, die mit typisch indischen Mustern verziert sind. Es ist sehr ruhig in der Nähe des Hauses, was einen entspannt und auf die kommende Musik einstimmt. Hameed Khan hat auch Söhne, die alle älter als ich sind und auch schon Sitarspieler sind. Wenn ich eintreffe, sind sie manchmal im Musikraum und üben, verlassen aber mit einem freundlichem Lächeln den Raum, sobald ich eintrete.
Mein Lehrer taucht meistens fünf Minuten später auf. Anfangs besteht der Unterricht daraus, dass man immer wieder in verschiedenen Formen die Tonleiter auf und ab spielt. Anfangs habe ich eines gemerkt: Ich sollte öfters zu Hause im Schneidersitz sitzen. Bei der richtigen Haltung ist es gesund und dehnt auch die Bänder. Beim Sitarspiel schlägt man das rechte Bein über das Linke und das Linke winkelt man nahe an den Körper an, sodass man den Rumpf der Sitar auf die linke Fußsohle legen kann. Wenn man nun den rechten Arm auf den Runpf legt und den Daumen auf die unterste Stelle des Griffbrettes legt, dann ist es nicht mehr nötig das Instrument festzuhalten. Das Instrument balanciert sich entspannt selbst zwischen Fußsohle und rechten Arm und Daumen. Diese Stellung erinnert etwas an die Haltung beim klassischen Gitarrenspiel. Natürlich spielt man barfuß. Der Unterricht ist sehr ruhig. Oft spielen wir zusammen, was sich sehr schön anhört. Meine Stunde dauert eine Stunde.
Durch den sehr persönlich Unterricht bekommt man einen tiefen Einblick in die indische Kultur und in die indische Musik. Man lernt noch mehr Instrumente klingen, die alle sich in ihrer Spielweise, Form und Klang unterscheiden. Durch den Unterricht habe ich auch die Möglichkeit Freunde meines Lehrers kennenzulernen, die aus vielen verschieden Ländern kommen. Beispielsweise war im letzten Monat ein Franzose zu Gast, der schon seit achtzehn Jahren nach Indien kommt, um der indischen Musik nahe zu sein.
Nach meiner Unterrichtsstunde gehe ich meistens in Dharwad noch was Essen und kaufe ein paar Lebensmittel ein. Das Sitarspiel macht mir sehr viel Spaß. Deshalb werde ich bald auch stolzer Besitzer einer eigenen Sitar sein. Dank meiner Eltern, die mich in dieser Sache netterweise finanziell unterstützen. Ein Sitar, später in meinem Zimmer zu Hause oder in einer WG, ist sicherlich schön anzuschauen. Abends bei zahlreichen Musikstunden mit den anderen Freiwilligen, werde ich zukünftig wohl auch mal zur Sitar, anstelle von der Gitarre, greifen. Gitarre und Sitar lassen sich, wie ich vermute, auch gut kombinieren!

Viel Neues habe ich ansonsten nicht zu berichten. Ich bin gerade dabei meine nächsten Schritte zu planen, wenn ich wieder in Deutschland bin. Auch bin ich gerade an dem Punkt angekommen, von dem man sagen könnte es ist gerade Halbzeit. Klingt mal wieder lang und zugleich kurz... Ich weiß gerade nicht, ob ich schon über meine nächste Reise gesprochen habe. Mein Plan sieht vor, dass ich im Mai für fünf Wochen nach Nepal gehe. Was ich dort tun werde, können sich die, die mich kennen sicherlich denken! Denjenigen, die sich keine Vorstellung machen können, gebe ich einen Tipp: Berge!

Ich hoffe es geht euch allen gut. Die Tage in Deutschland werden ja nun auch immer länger und es wird bald auf den Frühling zugehen. Meine Familie wird im April kommen und wir werden zusammen Kerala, Hampi und Dharwad bereisen.

Ansonsten: Bis Bald und alles Gute!

Julius

Montag, 16. Januar 2012

Gestern


           
                                                Es war ein Tag, er war blau und klar,
                                                Wir lieben Dinge, die wir verstehen.
                                                Auf der Schwelle die reglos junge Frau,
                                                Zwischen uns ist man allein.
                                               
                                                Die Hunde mögen keine Fremden,
                                                Der Lebensweg ist zu verschieden.
                                                Der Gruß, das Lächeln, überall einsam,
                                                Zwischen uns ist man allein.
                                               
                                                Die Farben so bunt, der Tanz die Harmonie,
                                                Man steht in Scharr, dicht an dicht.
                                                Doch raus aus dem Rahmen kommt man nicht,
                                                Zwischen uns ist man allein.
                                               
                                                Die Religion verzaubert und beherrscht,
                                                Man lebt für sie und gibt sich hin.
                                                Es ist nicht vorstellbar aus dem mir Bekannten,
                                                Zwischen uns ist man allein.
                                               
                                                Die Jüngsten so nah, die Sprache so fern,
                                                Sie werfen hoch, sie lassen fallen.
                                                Wahre Emotionen halten uns gefangen,
                                                Man ist niemals allein.
                                               
                                                Das Kerzenlicht bestimmt die Gefühle,
                                                Wie auch Gitarrenspiel und ruhige Gespräche.
                                                Zusammen sind wir alle,
                                                Man ist niemals allein.

Samstag, 31. Dezember 2011

Frohes Neues Jahr!


Vor einem Jahr sagte man zu mir: "Das Jahr 2011 wird ja sehr ereignisreich fuer dich werden!" Zurueckblickend stimme ich dem voll und ganz zu!
Ansonsten fasse ich mich kurz: Das indische Silvester ist alles andere als langweilig! Fuer Munition ist gesorgt! Die Kanonen und der Feuermeister namens Julius liegen in den Startloechern! Die indischen Trommeln singen! Der Countdown laeuft fuer ein, hoffentlich, erfolgreiches Jahr!
Ein frohes neues Jahr euch Allen und alles Gute!

Julius

Montag, 26. Dezember 2011

Wir bleiben stumm

Zur Begrüßung führt man die Hände an der Brust aneinander. “Namasté!“
“Where are you from? “
“I come from Germany. “
“Hah, Germany.” Man hat keine Ahnung, wo es liegt.
“What is your name?”
“My name is Julius.”
“Are you marriage?”
“No, I’m not.”
“How old are you?”
“Twenty.”
“What? Twenty? You are so young?”
Ja, ich bin zwanzig. Bin ich immer noch jung? Meine Kindheit ist vorbei. Dennoch kann ich glücklich sein, dass ich in Deutschland groß geworden bin. Es lässt sich wirklich sagen, dass ich sorglos aufgewachsen bin. Hier in Kalkeri verläuft die Kindheit ganz anders. In der Schulzeit lebt man in der Schule. Man isst jeden Tag Reis und freut sich, wenn es Besonderheiten wie Kartoffeln, Brot und Eier gibt. Man steht um halb fünf auf und beginnt mit seinem Instrument zu üben. Nach dem Frühstück folgt der Unterricht, der bis zwanzig vor fünf geht. Danach hat man neunzig Minuten frei. Anschließend werden die Hausaufgaben gemacht, man isst zu Abend, guckt manchmal noch einen Film in der Yogahall und geht schließlich schlafen. Dies ist der Tagesablauf eines Kindes von Montag bis Samstag. Der einzig freie Tag ist Sonntag. In den Ferien fährt man nach Hause zu seinen Familien, was nicht bedeutet, dass man frei hat. Es wird gearbeitet. Viele Eltern der Kinder betreiben eine Farm und dort muss täglich ausgeholfen werden. Oft sind die Kinder froh, wenn sie wieder in die Schule dürfen.
Nun die deutsche Version: Der Wecker klingelt um zehn nach sechs, manchmal auch um neun oder zehn. Man geht ins saubere Badezimmer und kommt sauber heraus. Der Frühstückstisch ist gedeckt mit Toastbrot, Brötchen, Croissants, Marmeladen, Honig, Nutella, Kaffe, Kakao, Milch, Salami, Käse und nicht zu vergessen mit sauberem Besteck und sauberen Tellern. In der Schule sitzt man auf Stühlen und an sauberen Tischen. Das Essen aus der Kantine wurde absolut hygienisch behandelt und es wird genauso viel angeboten, wie morgens am Frühstückstisch. Die Schule endet durchschnittlich zwischen eins und zwei und der Unterricht wird von ausgebildeten Lehrern getragen, die pädagogisch eine besondere Ausbildung an der Universität hatten. Nachmittags kommt man nach Hause und schmeißt den Schulkram, im eigenen Zimmer, in die nächste Ecke, um sich einem Buch und der Musik aus der Stereoanlage zu widmen. Von der Vielfalt beim Mittagessen fang ich gar nicht erst an. Letztendlich opfert man dem Lernen für die Schule nur noch dreißig bis sechzig Minuten. Im Urlaub geht es hinaus in die Welt. Wie man seine Freizeit gestaltet, ist natürlich von Person zu Person abhängig, dennoch ist es klar, dass man dabei jeden erdenklichen Luxus genießt und gar nicht lernt die kleinen Dinge im Leben zu schätzen.
Eigentlich wollte ich von etwas ganz anderem schreiben. Nämlich davon, dass ich selbst merke, wie ich von Tag zu Tag offener werde. Aber wenn ich nun genauer über den ersten Teil meines Textes nachdenke, dann fällt mir auf, dass mich genau diese Erkenntnisse verändern. Ebenso ist mir klar geworden, dass die kleine Schule, in der ich lebe, mir mehr geben wird, als ich ihr jemals im gesamten Jahr geben könnte. Es ist einerseits schwer das einzusehen, andererseits bin ich nicht der erste Freiwillige hier und den anderen wird es nicht anders ergangen sein.
Vielleicht ist es auch der Unterricht, der mich so verändert. Ständig arbeitet man mit den Kindern, die kaum etwas besitzen, außer ihren großen Charakter, auf ein gewisses Ziel zu. Es ist ein ganz anderes Lernen, im Gegensatz zur Schule. Ich glaube, dass das Unterrichten hier mir später auch sehr in der Universität helfen wird. Man arbeitet in einer gewissen Weise nun wissenschaftlich, da ich selbst herausfinden muss, wie Kinder am besten eine fremde Sprache lernen. Hinzu kommt, dass man auch die fremde Kultur und die sozialen Umstände berücksichtigen muss.
(Ab hier sieht mein ä, ö und ü so aus: ae, oe, ue, denn ich schreibe ab hier mit einem englischen Laptop. Wie ihr sicherlich mitbekommen habt, habe ich lange nichts mehr geschrieben. Das lag nicht daran, dass ich keine Lust mehr auf Schreiben hatte, sondern, dass mein Windows den Loeffel abgegeben hat! Mein Computer liegt also momentan im Koma. Allerdings erwarte ich eine neue Windows CD, die dann hoffentlich meinen Computer wieder zum Leben erweckt. Und nun zurueck zum dem was ich euch vor ca. Zwei Monaten schreiben wollte...)

Man stellt sich nach nun fasst fuenf Monaten viele Fragen, unter anderem nach dem Sinn meiner Arbeit. Ich meine dabei allerdings nicht den Sinn meiner Arbeit, der meiner Schule nutzt. Natuerlich ist es nicht leicht und vielleicht auch nicht moeglich einen hoeheren Sinn in all Dem hier zu finden. Man denkt allgemein viel ueber die erlebten Dinge nach und dabei erscheint einem das Leben oftmals sehr klein und kurz. Ein Beispiel, das vielleicht etwas schwachsinnig ist, womit man sich aber durchaus beschaeftigt: Ich verbringe ein Jahr in Indien. Der Durchschnittsmensch hat ungefaehr 75 Lebensjahre zur Verfuegung. Wenn ich nun ueber das gesamte Leben eines Menschen nachdenke, dann erscheint mir dieses eine Jahr schon als ein ziemlich grosser Teil. Das ist sehr philosophisch und vermutlich auch sehr unverstaendlich. Aber diejenigen, die mir bis hierhin folgen konnten, werden vielleicht sich eine Vorstellung von dem Sinn meiner Gedankenwelt hier machen koennen. Dieses Jahr wird eine viel groessere Bedeutung fuer mein Leben haben, als ich es mir vorher je vorstellen konnte.
Vermutlich habe ich all die Gedanken ueber das „Warum?“, da ich taeglich sehr viele Eindruecke habe und es mir oft erscheint, dass ich viele gar nicht verarbeiten kann. Wenn ich wieder in Deutschland bin und mich jemand fragt: „Erzaehl mal was ueber Indien!“ Dann werde ich demjenigen wohl keine Antwort geben koennen. Alles was ich bewusst und unbewusst nun ueber das indische Leben gelernt habe, werde ich in meinem ganzen Leben nicht erzaehlen koennen. Auch nur einen kleinen Teil zu erzaehlen, wird mir nicht gefallen, denn wenn ich beispielsweise sage: „Ich bin oefters abends mit Sara und Frederic ins Dorf hinunter gegangen, um ein Omlet zu essen.“ Dieser Satz bedeutet so viel und umfasst viele Dinge, die ganz anders sind zum europaeischen Leben, sodass ich mich sehr unwohl fuehlen wuerde nur diesen einen Satz zu erzaehlen. Wie ihr merkt, ist es mir nicht moeglich euch eine richtige Vorstellung von meinen Erzaehlungen zu machen. Natuerlich werde ich euch dennoch von Indien erzaehlen!
Letztenendes werden wir Frewilligen uns gegenseitig nur wirklich verstehen. Denn den Indern ueber solche Themen zu erzaehlen macht keinen Sinn. Fuer jemanden, der in dieser Kultur aufwaechst, sind all die Erlebnisse meistens voellig normal und darin dann den Hintergrund meiner Gefuehle und Gedanken zu sehen ist praktisch unmoeglich. Aber vielleicht haette ich das von Anfang an erwarten muessen.

In der Zwischzeit ist sehr viel passiert. Um euch ein paar Stichpunkte zu geben: Neue Klasse, Olympische Spiele, Midyear Camp und Weihnachten. Ich werde nun versuchen euch so viel wie moeglich ueber diese Dinge zu erzaehlen.
Mein letzter Eintrag war ueber meinen Urlaub. Nachdem ich wieder gekommen bin, ging der Schulalltag wieder los und somit auch meine Englischklassen. Es gab aber eine kleine Aenderung. Ich unterrichte jetzt nicht mehr die fuenfte sondern die vierte Klasse. Sie ist ebenfalls sehr aufgeweckt, allerdings viel mehr leistungsorientiert. Somit macht der Unterricht sehr viel Spass. Ebenfalls hat sich auch was in der dritten Klasse getan. Ich unterrichte jetzt nur noch die leistungsstarken Schueler, da die Schule eine weitere indische Englischlehrerin eingestellt hat, die die schwachen Schueler meiner dritten Klasse uebernimmt, da sie Kannada versteht. Jetzt muss ich die leistungsstarken Schueler nur noch davon ueberzeugen, dass sie lestungsstark sind!
Am zehnten und elften Dezember fanden die olympischen Spiele fuer die Kinder statt. Es waren Spiele der absoluten Hoechstspannung und Dramatik! Es wurde um Gold, Silber und Bronze beispielhaft gekaempft. Die echten Spiele haetten es nicht toppen koennen. Sieger wurden gefeiert und Vielerer uebergaben sich den Traenen. Es waren die Spiele der Emotionen. Man pruefte sein Koennen in folgenden Kategorien: 100-Meter Sprint, 400-Meter Sprint, Hochsprung, Weitsprung, Coq-Fight und Special Race. Die Kinder bildeten Teams, wobei man fuer das Team Punkte sammelte, aber auch die Einzelwertung beruecksichtigt wurde. Zu gewinnen gab es Suessigkeiten und die Teams gewannen neue Sportsachen fuer die Schule. Das Special Race war der Hoehepunkt der Spiele. Es war eine umgewandelte Form des Platechecks, Eierlaufen und Sackhuepfen. Die olympischen Spiele waren fuer mich eine besondere Erfahrung, da ich fuer die Kinder nicht der Lehrer war und somit ein viel engere Beziehung zu ihnen hatte. Es hat mir viel Freude gemacht Fotos zu schiessen und die Kinder zu betreuen.
Unmittelbar nach den Olympischen Spielen war es auch schon Zeit fuer das sog. Midyear Camp. Dies fand in Mysore, auf dem Infosys-Gelaende statt. Am vierzehnten Dezember nahm ich einen Nachtzug von Dharwad nach Mysore. Die gesamte Zugfahrt dauerte ueber zehn Stunden fuer ca. 490km. Das Infosys-Gelaende, wovon es in ganz Indien drei Stueck gibt, wobei unseres aber der groesste Campus in ganz Asien ist, umfasst ungefaehr 135 Hektar. Das Gebiet hat ein eigenes Kino, ein riesigen Sportcampus, viele Restaurants und eine riesige Wohnflaeche. Die Zimmer waren im Gegensatz zu unserer Schlammhuette ein echter Luxus, da wir ein weiches Bett, ein tolles steinernes Badezimmer und einen Fernseher hatten. Und es war sauber! Es war schoen all die anderen Freiwilligen wieder zusehen und sich ueber die bisherigen Erlebnisse auszutauschen. Die letzten zwei Tage verbrachten wir in einem Nationalpark, wo wir Tiger, Baeren und anderes Getier sahen.
Und nun ist auch schon Weihnachten! Den Heiligabend verbrachte ich mit allen anderen Freiwilligen und der Gruenderfamilie, die am selben Tag aus Kanada angekommen waren. Wir haben ein tolles Festessen veranstaltet und haben unter den Sternen am Lagerfeuer Gitarre gespielt, gesungen und gegessen. Es ist ein anderes Weihnachten, so viel ist sicher! Aber es ist schoen.

Frohe Weihnachten! An all meine Freunde daheim, an meine Familie (die sich heute mal weihnachtlich zusammensetzt und gemeinsam feiert) und an all die anderen die meinen Blog verfolgen. Ich hoffe ihr habt besinnliche Festtage und geniesst die gewohnt ruhige und romantische Atmosphaere! Ich bin in Gedanken bei euch.

Silvester werde ich auch in der Schule feiern und mir einige von den fast lebensgefaehrlichen Knallern besorgen. Die Coldseason ist bald vorbei und die taegliche Temperatur liegt bei ueber 35 Grad. Man muss mehrmals am Tag sagen, dass Weihnachten ist. Ansonsten glaubt man das nicht.

Viele liebe Gruesse!

Julius

Samstag, 10. Dezember 2011

Der naechste Eintrag folgt bald!

Hey Leute,
Es tut mir leid, dass ich mich so lange nicht mehr gemeldet habe. Da aber leider mein Computer nicht mehr funktioniert, ist die Zeit des Schreibens etwas ausgefallen.
Der naechste Eintrag ist schon fast fertig!! Ich muss ihn nur irgendwie von meinem zerstoerten Windows bekommen.

Alles liebe und bis bald!

Julius

Montag, 7. November 2011

Urlaubstage in Gokarn, Palolem und Hampi

Um acht Uhr morgens spüre ich das Gewicht meines roten Rucksacks auf meinen Schultern. Es ist schön kühl und der Himmel blau. Perfektes Reisewetter!
Reisen heißt Entdecken und Erfahren. Man reist immer mit Erwartungen und bestimmten Klischees. Dass Erwartungen und Klischees widerlegt werden, ist, für mich, das Besondere am Reisen. Nun bin ich also ein sogenannter Traveller, ein Reisender, ein Suchender. Auf der Suche nach dem Besonderen und dem Unerwarteten an der Erde und an dem Menschen. Beim Klettern bin ich intensiv mit mir selbst und der Natur verbunden und auf der Suche nach meinen Grenzen. Diese Reise sollte der Start für das Entdecken anderer Grenzen sein.
Meine erste kleine Reise umfasste überwiegend einen Teil der typischen Touristenorte Indiens. Goa und Hampi. Doch Paul’s und mein Reiseplan sah zuerst Gokarn, das kleine Goa der Traveller, vor. Nach Gokarn reisten wir ausschließlich mit dem Bus. Das Reisen in Indien ist schon wahnsinnig günstig. Für die vier Busse, die wir auf unserem Weg nach Gokarn genommen haben, zahlten wir ca. 150 Rupien, also umgerechnet, nicht mehr als 2,30 €, bei einer Strecke von über 150 Kilometern! Im Laufe des Nachmittags wurde es schnell sehr warm in den Bussen und man saß schwitzend auf den Sitzen. In dem Bus nach Ankola unterhielten wir uns lange mit einem Wiener namens Fabian, der schon seit drei Monaten den Norden Indiens bereist hat, dabei ist er auch unter anderem in Ladakh unterwegs gewesen, also im Himalaya, dort wo ich auch plane, am Ende meines Auslandsaufenthaltes, hinzufahren. Fabian berichtete uns viel von seinen Eindrücken und Erlebnissen und machte mir richtig Lust auf das Entdecken neuer Orte. Der Busfahrt ist ansonsten nicht mehr viel hinzuzufügen, außer, dass der letzte Bus, von Ankola nach Gokarn, schon sehr nach Fisch roch und das Metal des Busses an vielen Stellen von Salz zerfressen war.
Gokarn ist ein sehr kleines Dorf, das über einen kleinen Busbahnhof verfügt. Im Dorf selbst riecht es gar nicht nach Meer, so wie ich es erwartete. Auch ist es nicht dermaßen von Touristen überlaufen. Auf der Suche nach einem Geldautomaten sehen wir schon den Großteil des Dorfes. Wie ich finde, wird es seinem Ruf, als ein charmantes kleines Fischerdorf mit vielen kleinen Gassen, gerecht. Gokarn war vor ca. zwanzig Jahren ein geheimer Hippie Treffpunkt, da man Zuflucht vor, dem vom Tourismus entdeckten, Goa suchte. Doch vor fünf bis zehn Jahren eroberte auch der Tourismus dieses kleine Dorf und veränderte die Stimmung dieses Ortes maßgeblich. Wir reisten glücklicherweise nicht in der Hauptsaison, sodass man überwiegend nur andere Traveller sah. Was dieses Dorf allerdings berühmt gemacht hat, sind die traumhaften karibischen Strände. Mal abgesehen von dem stark verschmutzten Dorfstrand, sind die Strände Gokarns sehr einsam und naturnah. Berühmt sind vor Allem der sog. „Om-Beach“, „Half-Moon-Beach“ oder der wohlklingende „Paradies-Beach“. Mich zieht es zu einem der einsamsten Strände, dem „Om-Beach“. Da wir uns zuvor noch lange im Dorf aufgehalten hatten und uns die Ansicht eines Inders, im Bezug auf den Kaschmir-Konflikt, angehört hatten, wanderten wir spät los. Der Om-Beach liegt ca. vier Kilometer von Gokarn entfernt und kann entweder zu Fuß oder per Rikscha erreicht werden. Wir mussten uns zum einen wegen der anbrechenden Dunkelheit sputen, zum anderen aber auch wegen einem mächtigen Gewitter, das uns plötzlich im Nacken saß. Auf der Hälfte der Strecke holten uns Dunkelheit und Gewitter ein und wir waren gezwungen uns eine von drei verfügbaren Rikschas zu nehmen. Der Rikschafahrer erkannte natürlich unsere bescheidene Situation und stieg in das Verhandlungsgeschäft mit einem absolut überzogenen Preis ein. Wir schafften es so gerade den Preis um hundert Rupien runter zu handeln, wobei wir dabei tief in die Trickkiste greifen mussten. Letztendlich zahlten wir immer noch zu viel. Bei Dunkelheit, Sturm und starkem Regen ging es per Rikscha an der Küste entlang. Am Om-Beach angekommen checkten wir dreißig Meter vom Meer entfernt im „Namasté Café“ ein. Mit dreihundert Rupien pro Nacht für ein Doppelzimmer, war der Preis akzeptabel, da das Café traumhaft gelegen war. Am Abend machten wir noch einen kleinen Strandspaziergang und genossen die einmalige Atmosphäre.
Warum wirkt das Meer auf Menschen anziehend? Weil es endlos, unergründlich oder geheimnisvoll ist? Oder einfach nur weil es auf gigantische Weise schlicht ist? Auf mich hat das Meer, wie die Alpen eine beruhigende Wirkung, wobei ich die Berge stets dem Meer vorziehen würde. Auch die unberührten Traumstrände Gokarns haben diese Einstellung an mir nicht geändert. Dennoch waren die Momente am Strand besonders. Den folgenden Tag widmeten wir natürlich dem Meer, zumal wir schon den Großteil des Dorfes gesehen hatten. Dazu habe ich nur zwei Dinge zu sagen: Salzwasser schmeckt nicht und Wellenreiten macht riesen Spaß! Der schönste Teil des Tages war der Abend, wo wir ein langes Stück an der Steilküste entlang wanderten und eine lange Zeit auf den Klippen bis zur Dunkelheit saßen und den Sonnenuntergang abwarteten. Ein besonderer Augenblick war die Begegnung mit zwei Delfinen, die im Abendlicht Saltos vollführten. Am Abend im Restaurant trafen wir Vinod, einen reichen Sohn eines berühmten indischen Unternehmers, der an einer Elite-Uni in Großbritannien studiert hat und nun plant ein Zwei-Millionen-Dollar Unternehmen aufzubauen. Er lebt in Palolem, den Ort, den wir am darauf folgenden Tag erreichen wollten, um gemeinsam mit Freunden Urlaub zu machen. Im Verlauf des Gespräches am nächsten Morgen, erklärt er sich bereit uns per Auto mit nach Palolem zu nehmen.
Auf der Fahrt erzählt er uns viel über sein Vorhaben und das Unternehmen seines Vaters, aber auch, wie sich die Gegend rund um Gokarn und Goa verändert. Neben dem starken Einfluss des Tourismus, ist die Gegend um Karwar neuerdings Militärgebiet, da diese Gegend angeblich eine gute strategische Lage besitzt. In diesem Zusammenhang wird dort neuerdings der größte Flughafen Karnatakas gebaut und ein großer Küstenstreifen ist Sperrzone. Von der Straße aus können wir ab und zu einen Blick in den Militärbereich werfen, wo kräftig gebaut wird. Neben der Landschaft verändert sich aber auch der Tourismus, so Vinod. Der Tourismus in Gokarn sei stark zurück gegangen und „dieser Prozess wird sich fortsetzten“. Dabei wird es einen Teil der Bevölkerung geben, der sich darüber freut, aber auch einen Teil geben, der versucht diesen Prozess zu stoppen, um einen Profitverlust innerhalb Karnatakas zu verhindern. Was für einen Glückstreffer wir mit Vinod und seinem Auto gelandet haben, wird mir erst im Laufe der Fahrt bewusst. Die Strecke nach Palolem bzw. Cancona hätte mindestens drei Busse in Anspruch genommen.

Vinod fährt uns mit seinem Auto direkt zum traumhaften Südseestrand Palolems. Palolem ist nicht gerade groß, es ist vergleichbar mit Gokarn. Als erstes versuchten wir ein Guest House direkt am Strand zu bekommen. Schnell wird aber klar, dass dies nicht funktionieren wird. Obwohl noch Nebensaison ist, sind alle Unterkünfte in unserer Preiskategorie belegt. Der Grund, warum wir nach Palolem reisten, war, dass wir uns dort mit Freunden treffen wollten, um gemeinsam ein wenig Zeit zu verbringen. Max & Co hatten schon eine günstige Unterkunft entdeckt, die relativ zentral in Palolem gelegen ist und auch noch für uns Platz bot. Die Tage in Palolem waren sehr schön. Morgens genoss man sein traumhaftes Frühstück, mittags war man in der wunderschönen Landschaft unterwegs und abends ging man gemeinsam in einem der zahlreichen Restaurants essen. Das Besondere an der Zeit in Palolem war, dass man sich Roller und Motorräder ausleihen konnte. Auf unseren Touren entdeckten wir andere Dörfer und schönere Strände und ich lernte Motorrad fahren. Der Süden Goas ist landschaftlich wunderschön und entzückt durch einsame Dörfer zwischen Reisfeldern und hier und da steht mal ein prachtvoller Tempel. Ganz zu schweigen von den Bilderbuchstränden. Dennoch ist Goa eindeutig eine Touristenattraktion. Für mich als Freiwilliger, der in Dharwad, der nächst größeren Stadt, nie einen „hellhäutigen“ zu Gesicht bekommt, kam es mir so vor, als wäre ich irgendwo am Mittelmeer. Überall Touristen, die meist nur wegen Strand und Party nach Indien kommen und die dementsprechend auch nichts von der eigentlichen indischen Welt realisieren. Orte, wie Palolem, dienen einem Freiwilligen letztendlich dazu, wieder etwas das „westliche Leben“ zu konsumieren.
Die Tage in Goa vergehen schnell. Für Paul und mich geht es schließlich weiter nach Hampi, unserer letzten Etappe. Zuvor wollen wir uns aber mit den anderen Freiwilligen aus unserem Projekt in Gadag treffen, um eine Familie von zwei Schülern der Schule zu besuchen. Aus Cancona, dem nächst größeren Ort in der Nähe Palolems, geht es per Zug nach Madgaon. Madgaon ist eine unscheinbare Stadt in Goa, die für Reisende lediglich ein Ort ist, wo nach Benaulim, Palolem oder Agonda umgestiegen wird. Wir bleiben eine Nacht in Madgaon und müssen bei der Beschaffung der Zugtickets etwas pokern, da schon alle Tickets verkauft sind, es aber immer am Morgen des nächsten Tages Resttickets gibt. Wir haben Glück und sitzen am nächsten Tag, selbst für indische Verhältnisse, in einem überfüllten Zug. Es ist so eng, dass man zusammengepresst über seinem Rucksack steht und dennoch die Leute an einem vorbei klettern müssen. Wir stehen in der Sleeper Class direkt neben den Toiletten und es stinkt jedes Mal bestialisch, wenn jemand die Toilettentür öffnet. Normalerweise hat man in der Sleeper Class immer einen Platz, aber heute ist das unmöglich. Irgendwann reicht es mir und ich setzte mich zwischen zwei Wagons mitten auf den Boden, was bei den Indern erstaunte Blicke hervorruft. Der Boden ist zwar dreckig, aber immerhin sitze ich und bin außer Reichweite der Toilettengase. Ich sitze dort solange, bis ein Fahrkartenkontrolleur kommt und nach meiner Fahrkarte fragt. Ich gebe ihm meine. Er schaut sie sich eine Weile an. „Sie sind im falschen Abteil! Sie haben eine Fahrkarte für eine niedere Klasse. Sie müssen noch mal was nachzahlen, damit sie hier sitzen dürfen.“ Ich bin belustigt und sage: „Aber ich sitze hier auf einem schmutzigen Boden zwischen zwei Wagons! Dieser Sitzplatz ist eigentlich unter meiner gekauften Klasse.“ Das versteht der Kontrolleur allerdings nicht und zeigt sich nicht nachgiebig. Letztendlich zahle ich achtzig Rupien mehr, um mich in dem Wagon aufhalten zu dürfen. Der Kontrolleur war jedoch alles andere als unfreundlich und führt mich direkt zu einem Sitzplatz, wo ich bis Gadag sitzen bleibe. Die Zugfahrt ist sehr schön, was vor allem an der schönen Landschaft liegt. Der Zug hält auf seiner Fahrt nach Kalkutta auch in Dharwad, wo wir die anderen Freiwilligen treffen, die zu uns in den Zug steigen. Insgesamt dauert die Fahrt von Madgaon nach Gadag ca. sechs Stunden. Für die gesamte Strecke von Madgaon bis Kalkutta braucht er über achtundvierzig Stunden.
Die Familie, die wir besuchen wollen, lebt in einem Dorf zehn Kilometer entfernt von Gadag. In dem Dorf selbst ist wohl vorher noch nie eine „weiße“ Person gewesen und dementsprechend sind die Kinder, die dort leben, fasziniert. Wir werden von der Familie herzlich Willkommen geheißen und werden mit Tee und Essen nur so voll gestopft. Die ganze Zeit, während unseres Besuches, lungert ein dutzend Kinder vor der Tür des Hauses herum und versucht einen Blick auf uns zu erhaschen. Schließlich erbarmen sich Sara und Fréderic, meine Mitfreiwilligen, und gehen zu den Kindern hinaus zum spielen, bis es dunkel wird. Wenn man in Indien jemanden besucht, dann sollte man viel Zeit mitbringen. Es wird viel geredet und überwiegend gegessen. Leider hatten wir an dem besagten Abend nicht viel Zeit, da wir am Abend selbst noch weiter nach Hampi reisen wollten. Drum wurde das Abendessen, was sich wahrscheinlich noch endlos in die Länge gezogen hätte, von uns rapide gekürzt, sodass wir später noch einen Bus nach Kopalla und von dort aus einen Bus nach Hospet, der nächst größeren Stadt in der Nähe des Dorfes Hampi, bekommen konnten. Von Hospet ging es dann per Rikscha weiter nach Hampi.
Hampi, damals Vijayanagar, war im Jahre 1509 eine reiche Hauptstadt des damaligen Königreiches Kampila. Unter den Brüdern Harihara und Bukka entfaltete sich die damalige Handelsstadt zur mächtigsten Metropole des Südens oder gar ganz Indiens. Kampila galt damals als das letzte verliebende Hindureich und wurde schließlich 1565 durch einen Krieg innerhalb Indiens zerstört, gebrandschatzt und ausgeplündert. Heute sind die beeindruckenden Überreste der Paläste und Tempel immer noch zu bewundern.
 Wir alle quartieren uns am Fluss im sogenannten „Garden Paradies“ ein und genießen westliche Kost. Wir trafen mitten in der Nacht in Hampi ein und hatten außer von ein paar vereinzelten Säulen noch nicht viel von den Tempelanlagen gesehen. Als ich am Morgen aus einer der Bambushütten trete, kann ich erstmal nur „Wow!“ sagen. Vor mir erstreckte sich eine steinerne Landschaft, wobei die rötlichen Granitfelsen bis an den Horizont reichen. Das reinste Kletterparadies! Am Tag selbst erkunden wir die Überreste der einst so prachtvollen Tempelanlagen. Oft glaubt man die uralte Macht spüren zu können, die von den steinernen Überresten ausgeht. Man fühlte sich hineinversetzt in das alte, so machtvolle Königreich. Von den bisher gesehenen Orten hat mir dieser landschaftlich schönste Ort am besten gefallen. Überall sah man Überreste des untergegangenen Hindureiches und die Natur schien so unberührt, dass ich es kaum erwarten konnte meine Kletterschuhe auszupacken. In den vier Tagen, wo alle Freiwilligen beisammen waren, erkundeten wir einen großen Teil aller Tempelanlagen in Hampi und waren zum Schluss sehr erschöpft.
Frederik und ich blieben schließlich in Hampi, als es für die anderen an der Zeit war abzureisen, da wir beide planten eine Woche länger zu bleiben. Allerdings wechselten wir auf die andere Seite des Flusses, wo sich mehr Traveller aufhalten. Die folgende Woche war allerdings nicht so erfolgreich wie erhofft. Wir wurden krank, was unsere Planungen stark einschränkte und schließlich nur zu einer Motorradtour mit anschließendem Klettern reichte und dem Besichtigen eines weiteren Tempels auf der anderen Seite des Flusses. Dennoch war die Woche nicht vollkommen enttäuschend gewesen. Die Atmosphäre auf der anderen Seite war wundervoll und in den kleinen Guest Houses wurden abends Hollywoodfilme gezeigt. Man lag, wie die alten Römer, an Tischen beisammen und wir lernten viele neue Menschen kennen.
Hampi! Ich werde wiederkommen! Denn du bist wunderschön! Die Rückreise traten wir wieder per Bus von Hospet nach Hubli an und von Hubli nach Dharwad. Den Abschluss des Urlaubes krönten wir noch mit einem Abendessen mit Hühnerfleisch, was wir in Kalkeri nie zu Gesicht bekommen.
Ich denke, die Reise hat mir viele neue Erfahrungen geschenkt. Man lernt offen auf fremde Menschen zuzugehen und sich nicht durch die Masse des Fremden erdrücken zu lassen. Ich habe außerdem besondere Orte gesehen, die mich nicht so schnell loslassen werden. Es ist durchaus etwas Besonderes die Welt auf eigene Faust zu entdecken.
Nach meinem Urlaub standen Arbeitstage in der Schule an. Häuser mussten renoviert werden oder gar völlig umgebaut werden. Der wichtigste Baustoff ist dabei „Gobba“, Kuhmist und Wasser. Ab und zu wird auch mal Schlamm dazugemixt. Zur Herstellung: Man nehme fünf Kilogramm Kuhmist (Sie muss frisch sein! Man merkt es beim Sammeln, wenn man sie mit den bloßen Händen auf die indischen Paletten hievt. Sie ist dann sehr schleimig und mit einem grünlichen Sekret vermischt.), man mixe den Kuhmist mit fünf Litern Wasser und vermische alles zu einem Brei. Gobba wird für den Bau von Böden oder Wänden benutzt. Man arbeitet, wie immer, mit den Händen. Die handwerkliche Arbeit gefällt mir gut, da dies eine gehörige Abwechslung zum Schulalltag war. Während der Ferien waren keine Kinder in der Schule, bis auf die Schüler, die auf das College gehen, was die Schule ungewöhnlich still machte.
Bei mir hat sich einiges an meinem Arbeitsplan geändert. Mein Day-off ist nun montags. Außerdem unterrichte ich nicht mehr die fünfte Klasse, sondern nun die dritte und vierte Klasse, worüber ich froh bin, da ich nun weniger Schüler habe. Momentan werden auch die Olympischen Spiele geplant, die immer um den Dezember herum exklusiv hier in der Musikschule ausgetragen werden! Dazu wird es aber sicher noch einen Blogeintrag geben.
Heute ist die Schule wieder losgegangen und der normale Tagesablauf wird sich wieder einstellen.
So das war es erstmal von meiner Seite aus. Der nächste Eintrag wird sicher bald folgen.

Viele Grüße

Julius

Freitag, 7. Oktober 2011

Meine kleine indische Dichtung


Für den Sohn des Brahmanen und Hermann Hesse.



Dem Wasser folgt die Sonne,
Blätter sich im Winde wiegend.
Er, der mich berührt, ist willkommen,
Denn er kühlt in der Morgenwärme.

Der Himmel so blau und nah,
Wolken zum greifen über uns schwebend.
Diesen Moment kennt Siddhartha,
Es ist sein Eigen, seine Schönheit.

Der Sonne folgt das Wasser,
Vom Dache und den Blättern tropfend.
Alles umgebend, beginnt man zu spüren,
Dass das Grüne einen wärmt.

Nun greift der Himmel nach dir,
Graue Arme streicheln über Blätterdach und Palmen.
Diesen Moment kennt Siddhartha,
Es ist sein Eigen, seine Schönheit.

Steine wärmen die Nacht,
Wo die Sonne sie erhellte.
Die Nacht hat ihr eigenes Lied,
Die kleinen Kinder Indiens singen.

Der Himmel offenbart dir sein Geheimnis,
Milliarden Juwelen dir geschenkt.
Diesen Moment kennt Siddhartha,
Es ist sein Eigen, seine Schönheit.

Volle Straßen, die dich verschlingen,
Mit Gerüchen betören und küssen.
Sie helfen, betrügen, tanzen, lachen,
lassen einen niemals unberührt.

Sie fürchten die Weiten des Himmels,
Schenken ihre Liebe ihrem Heim.
Diese kennt Siddhartha,
Sie sind sein Eigen, seine Schönheit.